Nationalakademie Leopoldina: Hort der Weisheit
Cathrin schrieb am Dienstag, 19. Februar 2008, 19:02
Die Leopoldina in Halle an der Saale ist seit dem 18. Februar 2008 offiziell die Nationale Akademie in Deutschland. Doch noch wissen viele Deutsche gar nicht, wo dieses Halle eigentlich liegt. Im Vorfeld der Ernennung der Leopoldina zur Nationalen Akademie schrieb Cathrin Günzel für FOCUS Online ein Porträt der Einrichtung - dazu gehört auch eine kleine Fotogalerie.
Imposant: Das Titelblatt der ersten umfassenden Geschichte der Leopoldina. Aus Anlass ihres einhundertjährigen Bestehens von ihrem sechsten Präsidenten Andreas Elias Büchner verfasst und 1755 in Halle gedruckt. (Foto: Pressestelle Leopoldina)
“Halle/Saale Hauptbahnhof” verkündet die Stimme im Zug. Der Reisende reibt sich verwundert die Augen. Der Wind pfeift über den Bahnsteig. Ein paar Schritte neben dem Gebäude schaut es trostlos aus: Grau begrüßt eine schäbige Spielhalle den Ankömmling, sie hat wohl nie bessere Zeiten gesehen und die Hoffnung auf Glücksritter schon aufgegeben. In dieser Stadt, die den Reisenden zunächst mit Plattenbaucharme verschreckt, ist Deutschlands “Heiliger Wissenschaftsgral” also verborgen: 2008 wird die hier beheimatete Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina die nationale Akademie ganz Deutschlands sein - Aushängeschild der deutschen Wissenschaft in der Größenordnung einer Royal Society in London, einer Académie des sciences in Paris oder der US-National Academies. Und sie soll die Politik in dringenden Fragen wie Klimaschutz oder demografischer Wandel beraten.
Vor den Kopf gestoßen
Die Entscheidung von Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan für die künftige “Deutsche Akademie der Wissenschaften” kam für viele Forscher und Bildungspolitiker überraschend. Von einer “Brüskierung” spricht gar die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften: Die Dachorganisation von acht deutschen Wissenschaftsakademien plädiert für eine Neugründung, denn keine der bestehenden Akademien sei “geeignet, die Rolle einer Nationalakademie zu übernehmen”. So kritisieren die Präsidenten, dass in der Leopoldina weder die Ingenieur- noch die Geistes- und Sozialwissenschaften angemessen vertreten seien: In den 28 Sektionen der Akademie von Mathematik bis Kulturwissenschaften dominieren traditionell die Mediziner und Naturwissenschaftler, erst in den letzten Jahren hat die Leopoldina sich auch auf Geistes- und Sozialwissenschaften orientiert. Die renommierten Akademien fühlen sich wohl schlicht überrollt - und auch ein bisschen beleidigt. Schließlich soll die Deutsche Akademie Politik beraten, in der Gesellschaft Zeichen setzen und Deutschland international vertreten - da wollen alle mit am Tisch sitzen. Am liebsten würden die Akademiechefs wohl eine große Palaverrunde bilden - einen deutschen Akademierat. Nicht zuletzt, um Einfluss und Reputation zu wahren. Dabei ist die Leopoldina als Nationalakademie nicht zum ersten Mal im Gespräch. Schon 1992 hatten der damalige Kanzler Helmut Kohl und sein Forschungsminister Heinz Riesenhuber sie zur Nationalakademie küren wollen - bekamen aber aus Halle einen Korb.
“Damals waren wir einfach noch nicht so weit. Die Leopoldina musste kurz nach der Wiedervereinigung ihren Platz erst wieder finden. Außerdem gab es bei einigen Mitgliedern aus DDR-Zeiten Ressentiments gegen Politik und Politikberatung”, erklärt Generalsekretärin Jutta Schnitzer-Ungefug. Seit acht Jahren leitet die Neurobiologin die Tagesgeschäfte der Akademie. Sie sitzt in der hellgelben prächtigen Verwaltungsvilla von 1870 in Halles Innenstadt. Daneben ließ sich die Leopoldina 1903 ihre Bibliothek erbauen. Und, ganz anders als bei der Ankunft am Bahnhof zu vermuten, hat sich Halles City seit der Wende zum schmucken Flanierzentrum gemausert. Zwar künden unterwegs noch immer etliche unsanierte, grau-bröckelige Fassaden von 40 Jahren Sozialismus, als die Machthaber eher auf Plattenbau-Schick setzten. Doch viele Gebäude der über 1200 Jahre alten Stadt an der Saale wurden schon herausgeputzt. Rund 240.000 Einwohner leben hier, Halle ist die viertgrößte Stadt in Ostdeutschland. Der Komponist Georg Friedrich Händel wurde hier geboren - genauso wie der ehemalige Außenminister Hans Dietrich Genscher. “Weltumsegler” Johann Reinhold Forster studierte Mitte des 18. Jahrhunderts an der Halleschen Theologischen Fakultät, die Ärztin Dorothea Christine Erxleben erwarb als erste Frau an der Hallischen Universität den deutschen Doktortitel.
Wissensbrücke in den Westen
“In der Wissenschaftslandschaft hat sich Halle schon seit Jahrhunderten einen Namen gemacht. Diese Stadt war einmal so bedeutend, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann”, erzählt Jutta Schnitzer-Ungefug - nicht zuletzt als dauerhafter Standort der Leopoldina, der 1652 gegründeten ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Akademie der Welt. Trotzdem ist der traditionsreiche Wissenschaftsstandort für viele Westdeutsche und auch Touristen ein weißer Fleck auf der Landkarte: “So mancher unserer Gäste hat zuvor nie von Halle gehört oder fragte zuerst nach den Tennisplätzen, eine Verwechslung mit Halle in Westfalen.”
Dabei war es der Leopoldina selbst zu DDR-Zeiten gelungen, den Austausch mit dem Westen am Leben zu erhalten: “Auch damals hatte sie internationale Mitglieder, sogar einen Vizepräsidenten aus Westdeutschland. Sie war eine wichtige Wissensbrücke für ostdeutsche Wissenschaftler, die nicht reisen durften”, erzählt Schnitzer-Ungefug, “Namhafte Forscher wie Akademiemitglied und Medizinnobelpreisträger Max Delbrück wurden zu Vorträgen eingeladen.” Ihre Unabhängigkeit gegenüber Politik und staatlichem Einfluss hat die Akademie immer verteidigt.
33 Nobelpreisträger
Infektionskrankheiten, Klimaschutz, Energiepolitik, Stammzellenforschung, die Zukunft Afrikas - zu allen wichtigen Themen haben die in der Leopoldina vereinigten Wissenschaftler sich in den vergangen Jahren geäußert. Und das kurz, knapp, lesbar - keine Selbstverständlichkeit im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Und ihre Stimme hat Gewicht: 33 Nobelpreisträger zählt die Gelehrtenvereinigung zurzeit in ihren Reihen, darunter auch den Chemie-Nobelpreisträger von 2007, Gerhard Ertl. Seit 1903 gehörten der Akademie insgesamt gar 167 Nobelpreis-Geehrte an, zum Beispiel Marie Curie, Max Planck, Albert Einstein, Linus Pauling und Konrad Lorenz. Viele von ihnen wurden schon in die Vereinigung gewählt, bevor sie die Auszeichnung erhielten.
Die Namen von 1280 Forschern verzeichnet die Mitgliederliste aktuell. Sie kommen aus 30 Ländern - wenn auch 75 Prozent im deutschsprachigen Raum zu Hause sind. Die “Leopoldianer” werden auf Lebenszeit gewählt und müssen Herausragendes auf ihrem Gebiet leisten, Vorschlagsrecht haben alle Mitglieder der Akademie. Dabei ist die Leopoldina kein reiner Honoratiorenverein: Reger Anteil am Forschungsdisput und Mitarbeit an Empfehlungen wird erwartet. “Wie die Londoner Royal Society werden wir in europäische und globale Gremien geladen. Seit der Wende hat die Leopoldina ihre internationale Reputation wieder gefunden und wurde de facto bereits vor einigen Jahren zur nationalen Akademie”, erklärt Jutta Schnitzer-Ungefug. Welche Themen es beim G8-Gipfel in diesem Jahr auf die Agenda schafften - das bestimmte die Leopoldina mit. Denn vor den Gipfeltreffen fragen die Staatenlenker die Welt-Akademien schon fast traditionell um Rat - “bei uns lag die internationale Verantwortung für die wissenschaftlichen Empfehlungen.”
Mit dem offiziellen Ritterschlag zu Nationalakademie werden die Leopoldina-Mitglieder noch mehr gefordert sein: “Die Politik erwartet, dass wir mehr Themen auf die Tagesordnung setzen, mehr gesellschaftlich relevante Probleme aufgreifen als bisher. Es wird mehr Arbeit auf uns zukommen.” Für die nächsten Jahre werden unter anderem Empfehlungen der Akademie zur Familienpolitik und zur demografischen Entwicklung erwartet. Gemeinsam mit dem Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (acatech) erforscht sie Chancen und Probleme einer alternden Gesellschaft.
Besser spät als nie
Bereits seit rund 20 Jahren wird über eine deutsche Nationalakademie diskutiert. Konkreter wurden die Pläne 2004, mit einer Empfehlung des nationalen Wissenschaftsrates für eine neue Vertretung der deutschen Wissenschaften. Die Diskussionen zogen sich in die Länge, die föderale Wissenschaftslandschaft Deutschlands tat ein Übriges: Eitelkeiten und Länder-Egoismus behinderten Entscheidungen. Die großen weltweiten Akademien selbst waren es, die schließlich die Leopoldina als deutsche Stimme in ihre Gremien luden. “Auch bei der Europäischen Kommission stoßen wissenschaftliche Empfehlungen unter unserer Federführung auf offene Ohren. Sie weiß: Wir sind neutral und unabhängig, hinter unseren Stellungnahmen stehen keine Lobbyisten”, betont Schnitzer-Ungefug. Der Leopoldina-Präsident Volker ter Meulen, Virologe aus Würzburg, ist seit Sommer 2007 Vorsitzender des European Academies Science Advisory Council EASAC, einem Zusammenschluss nationaler Akademien der EU-Mitgliedsländer. Das europäische Gremium erarbeitet Erklärungen zu gesellschaftlich und wissenschaftlich wichtigen Themen für die europäische Politik.
“Die Leopoldina ist die einzige überregional und international tätige Akademie in Deutschland”, erklärt die Generalsekretärin, “Alle anderen sind eher Länderakademien.” Ihr Haushalt von rund 1,6 Millionen Euro im Jahr wird deshalb auch zu 80 Prozent vom Bund getragen - den Rest finanziert das Land Sachsen-Anhalt. Für die kommenden Aufgaben müsse das Personal - gegenwärtig 22 Planstellen - jedoch “mindestens verdoppelt” werden. 3,8 Millionen Euro Sonderzuschuss sind erst einmal in Aussicht. Die aktuelle Auseinandersetzung um Ministerin Schavans Entscheidung für die Leopoldina sieht Schnitzer-Ungefug gelassen: “Immer, wenn aus einer Gruppe eine Institution etwas herausragt, wird das mit einem gewissen Neid beäugt. Das ist menschlich”, meint sie. “Deshalb waren wir seit jeher dafür, dass alle anderen Akademien einbezogen werden. Wir werden auch in Zukunft nicht allein arbeiten, sondern uns Partner suchen.”
Am Kabinettstisch
Am 18. Februar 2008 wird sich die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern treffen und Schavans Beschluss besprechen. “Wir gehen davon aus, dass die Politik bei ihrer Entscheidung bleibt”, so Leopoldina-Generalsekretärin Schnitzer-Ungefug. In welche Richtung sich akademische Politikberatung dann entwickeln könnte, zeigt das Beispiel Großbritannien: Dort sitzt der Präsident der Royal Society mit am Kabinettstisch und berät den Premierminister. “Doch die Akademie setzt die Themen für ihre Empfehlungen selbst. Die Politik kann die Behandlung bestimmter Fragen erbitten, doch die Akademie ist in ihrer Entscheidung frei und unabhängig.” Trotzdem wird die Leopoldina demnächst eine kleine Dependance in Berlin eröffnen - um näher dran zu sein an der Politik und deren Entscheidungsprozessen.
Im Archiv der Leopoldina lagern Zeugnisse aus über 350 Jahren Wissenschaftsgeschichte - bislang 1.100 laufende Meter. Es beherbergt auch das große Privileg, mit dem Kaiser Leopold I. die Akademie am 7. August 1687 zur Reichsakademie erhob. Stolzer Titel: Sacri Romani Imperii Academia Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum. Durch die wertvolle Urkunde mit rotem Samteinband und kaiserlichem Siegel erhielten beispielsweise die Akademie-Präsidenten Adelstitel, wurden zu kaiserlichen Leibärzten sowie zu Pfalzgrafen des heiligen Palastes vom Lateran ernannt. (Foto: Pressestelle Leopoldina)
Die Gründungsgeschichte der Leopoldina
1652 gründeten in der Freien Reichsstadt Schweinfurt vier Ärzte die Academia Naturae Curiosorum als übernationale Gelehrtenvereinigung. Ziel: “Die weitere Aufklärung auf dem Gebiet der Heilkunde und den daraus hervorgehenden Nutzen für die Mitmenschen.”
1670 erschien der erste Band einer von der Akademie gegründeten Zeitschrift, die erste naturwissenschaftlich-medizinische Zeitschrift der Welt überhaupt. Sie war Kaiser Leopold I. gewidmet und Vorläuferin der noch heute herausgegebenen Nova Acta Leopoldina.
1677 wurde die Akademie erstmals kaiserlich bestätigt.
1687 wurde sie durch Kaiser Leopold I. förmlich zur Reichsakademie erhoben und mit Privilegien ausgestattet, darunter der Zensurfreiheit und dem Nachdruckverbot ihrer Schriften. Seitdem hieß sie “Sacri Romani Imperii Academia Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum”, davon leitet sich die Kurzform Leopoldina ab.
1878 verlegte die Akademie ihren Sitz nach Halle. Bis dahin wechselte der Standort in die Stadt des jeweils aktuellen Präsidenten: So war die Leopoldina in Nürnberg,
Augsburg, Altdorf, Erfurt, Erlangen, Bonn, Breslau, Jena und Dresden zu Hause. Dass die Leopoldina an der Saale sesshaft wurde, ist Zufall: Halle war der Wirkungsort des damaligen Präsidenten - des Physikers Carl Hermann Knoblauch.
1904 eröffnete die Akademie eine wissenschaftliche Bibliothek, die heute 260.000 Bände beherbergt. In den Wanderjahren der Leopoldina hatte die Bibliothek mehrfach ihren Standort gewechselt und war in vier Städten Deutschlands untergebracht, bevor sie nach Halle/Saale kam. Den Grundstein legte 1731 in Nürnberg eine Spende von 37 Bänden durch den damaligen Präsidenten Johann Jacob Baier.
Die Leopoldina ist die älteste dauerhaft existierende Naturforscher-Akademie der Welt.

