Demenz: Mehr als Waschen und Füttern
Cathrin schrieb am Dienstag, 11. September 2007, 13:17
Demenzkranke suchen Kommunikation.
Pressearbeit Pflegemesse Leipzig 2007: Für die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende Pflegemesse Leipzig - Fachmesse und Kongress für ambulante und stationäre Pflege + Homecare-Versorgung - konzipierte, recherchiere und schrieb Cathrin Günzel mehrere Pressemitteilungen, darunter über Demenz und Palliativmedizin. Die Messe fand vom 11. bis 13. September 2007 in Leipzig statt, Auftraggeber war die Pressestelle der Leipziger Messe.
Vor 100 Jahren beschrieb der deutsche Arzt Alois Alzheimer zum ersten Mal das Krankheitsbild “Alzheimer”: Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form der Demenzerkrankungen - und bis heute nicht heilbar. Die Krankheit gehört zu den großen Herausforderungen für das Ge-sundheitswesen: Rund 1,1 Millionen Demenzkranke leben in Deutsch-land (Bundesministerium für Gesundheit BMG), etwa zwei Drittel davon haben Alzheimer. Jährlich kommen mehr als 250.000 Neuerkrankungen hinzu (Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.). Demenz ist der wichtigste Grund für eine Heimaufnahme: Über 60 Prozent der Heim-bewohner sind betroffen, rund 400.000 Demenzpatienten leben in Alten- und Pflegeheimen (Robert Koch-Institut/Statistisches Bundesamt). Auf der Pflegemesse Leipzig diskutieren vom 11. bis 13. September 2007 Manager und Personal von Kliniken, Alten- und Pflegeheimen sowie Pflegediensten über neue Betreuungsmodelle.
“Demenz entwickelt sich zum großen gesellschafts- und sozialpolitischen Problem der nächsten Jahrzehnte”, glaubt Kurt Bräunlich, Leiter des Altenheimes Rochlitz. Gibt es keinen Durchbruch bei Prävention oder Therapie, wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2030 auf etwa 1,7 Millionen erhöhen - eine Folge der demografischen Entwicklung, denn die Krankheit trifft vor allem Ältere (BMG). Demenz heißt “weg vom Geist” und bedeutet den fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten bis zum Zerfall der Persönlichkeit. Demenz gehört zu den teuersten Alterskrankheiten: Durchschnittlich 43.767 Euro kostet ein Alzheimerpatient pro Jahr - davon entfallen knapp 68 Prozent auf die Familie. (Robert Koch-Institut/Statistisches Bundesamt). “Oft werden Betroffene und Angehörige mit der Diagnose jedoch allein gelassen”, kritisiert Kurt Bräunlich, “Einfach zugängliche Informationen über Hilfsangebote fehlen, von Erstattungsmöglichkeiten für ambulante Dienste oder Pflegemittel bis zur Rundfunkgebührenbefreiung.”
Auf der Pflegemesse Leipzig informiert Bräunlich im Seminar der Deutschen Alzheimer Gesellschaft über den Aufbau von Netzwerken für Menschen mit Demenz. “Bei Betroffenen und Angehörigen gibt es Hemmschwellen, Hilfe anzunehmen - gerade in ländlichen Gegenden. Sie schämen sich. Deshalb genügt es nicht, Flyer zu verteilen”, sagt Bräunlich, “Wir haben einen Sozialarbeiter als Fallmanager eingestellt. Zuerst hat er eine ‚Klingeltour’ absolviert - das Netzwerk bei betroffenen Familien vorgestellt, aber auch bei Bürgermeistern, Pfarrern, Ärzten sowie in Krankenhäusern.” Pflegenden Angehörigen steht zudem eine Selbsthilfegruppe offen: “Während der Treffen stellen wir Personal und Fahrdienste, betreuen die Pflegebedürftigen”, berichtet Bräunlich, “Wir ermöglichen Grillabende oder Ausflüge, wollen soziale Isolation verhindern. Denn die beste Medizin bei Alzheimer ist menschliche Zuwendung.”
Mehr als Sprache: Kommunikation mit Lauten und Gesten
“Menschen mit Demenz verfügen über ein reiches Potenzial an Kommunikationsmöglichkeiten. Verbale Verständigung hat dabei jedoch nur begrenzten Stellenwert”, erklärt Peter Wißmann, Geschäftsführer der Stuttgarter Demenz Support gGmbH - Zentrum für Informationstransfer, “Weil Pflegende in den Lauten oder Gesten jedoch oft keinen Sinn erkennen, reagieren sie nicht.” Doch selbst herausfordernde Verhaltensweisen wie Aggressivität oder Schreie seien Kommunikationsversuche, meint Wißmann: Für manchen Kranken sei dies die einzige Form, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen oder seine Ängste auszudrücken.
Im Workshop “Interaktion mit allen Sinnen” zeigt Peter Wißmann Zugangswege und Kommunikationsvarianten im Umgang mit Demenzkranken: “Das Pflegepersonal glaubt häufig, Verständigung sei nicht mehr möglich. Doch Lautsprache kann eine Kontaktform sein - auch wenn die Inhalte nicht logisch erscheinen”, erläutert Wißmann. Selbst schwer Demenzkranke verfügten noch über emotionale Fähigkeiten: “Wenn sich Pflegende darauf einlassen, sich auf den Rhythmus der Körpersprache, der Gesten und Laute ‚einschwingen’, ergeben sich Chancen für echten Austausch.” Oft bestünden jedoch Ängste, sich lächerlich zu machen: “Körperorientierte Interaktion sind wir nicht gewohnt, in der Ausbildung wird das nicht vermittelt. Doch selbst der regulierte Pflegealltag mit knappem Zeitbudget bietet solche Verständigungsmöglichkeiten - während der Grundpflege, beim Essen. Die kleinen Impulse sind wichtig. Pflegeheime sollten mehr bieten als Füttern, Schlafen und Bastelstunde.”
Keine verwinkelten Flure: Demenzfreundliche Architektur
Orientierungsstörungen treten bei Demenz frühzeitig auf. “Doch die Architektur der Räume beeinflusst Orientierung stark. Verwinkelte Flure zum Beispiel erschweren das Zurechtfinden”, betont Gesine Marquardt, Fakultät Architektur der Technischen Universität Dresden. Im Rahmen des Seminars “Bauen für Demenzerkrankte” präsentiert die Diplomingenieurin Studien-ergebnisse des Lehrstuhls für Sozial- und Gesundheitsbauten zu orientierungsfördernder Architektur. Außerdem erläutert Professorin Dr. med. habil. Vjera Holthoff, wie sich die Wahrnehmung bei Demenz verändert. “Darauf kann sich die Umwelt einstellen. Zum Beispiel kein transparentes Glas verwenden, sonst fehlen Orientierungspunkte”, erklärt die Leiterin der Tagesklinik und Gedächtnisambulanz der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. “Beschilderungen sollten auf altbekannte Begriffe zurückgreifen - Toilette statt WC. Und Vertrautes im Umfeld ist wichtig, Kinderfotos, Aufnahmen der Eltern. Das ist auch in möblierten Zimmern möglich”
Pflegemesse Leipzig einzige Fachmesse für die “ganze Pflege”
Zur vergangenen Pflegemesse Leipzig reisten 306 Aussteller und knapp 15.000 Besucher aufs Messegelände zum Treffpunkt für die “ganze” Pflege. Die Pflegemesse Leipzig bildet gleichermaßen die stationäre Altenpflege und Krankenpflege, die häusliche Pflege und die Homecare-Versorgung ab. Das Kongressprogramm mit 75 Seminaren und Workshops gliedert sich in die beiden Säulen “Managementthemen” und “Fachliche Themen” für alle drei Kernbereiche der professionellen Pflege: Kliniken, Alten- und Pflegeheime sowie ambulante Dienste. Zahlreiche Veranstaltungen im Kongressprogramm drehen sich um Managementthemen. Neu im Kongressprogramm von Deutschlands einziger Fachmesse und Fachkongress für die “ganze” Pflege sind Seminare und Workshops zu den Themen Personal, Marketing, Konfliktmanagement sowie Recht.

