Abschiedskultur als Teil der Lebenskultur
Cathrin schrieb am Dienstag, 11. September 2007, 14:33
Pflegemesse Leipzig diskutiert Integration von Palliativ- und Hospizversorgung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.
Pressearbeit Pflegemesse Leipzig 2007: Für die im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende Pflegemesse Leipzig - Fachmesse und Kongress für ambulante und stationäre Pflege + Homecare-Versorgung - konzipierte, recherchiere und schrieb Cathrin Günzel mehrere Pressemitteilungen, darunter über Demenz und Palliativmedizin. Die Messe fand vom 11. bis 13. September 2007 in Leipzig statt, Auftraggeber war die Pressestelle der Leipziger Messe.
“Der Tod ist ein Problem der Lebenden”, schrieb Soziologe und Philosoph Norbert Elias vor 25 Jahren im Essay “Über die Einsamkeit des Sterbenden in unseren Tagen”. Spätestens seit den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verändert sich die Sterbekultur in Deutschland: Das Lebensende verlagert sich immer mehr in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen - doch Ärzte und Pflegepersonal sind auf den Umgang mit Sterbenden wenig vorbereitet. Auf dem Kongress der Pflegemesse Leipzig vom 11. bis 13. September 2007 diskutieren Mediziner und Pflegende über die Chancen einer vernetzten Palliativ- und Hospizversorgung für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.
Die meisten Deutschen möchten das Lebensende zu Hause, in gewohnter Umgebung verbringen. Die Realität sieht anders aus: Von den 850.000 Menschen, die jährlich in Deutschland versterben, sterben rund 50 Prozent im Krankenhaus und 20 Prozent im Pflegeheim (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V., “Leben bis zuletzt”). “Sterben und Sterbebegleitung gehörte in der Altenpflege zwar immer zum Alltag, doch in den vergangenen Jahren hat sich ein großer Wandel vollzogen: Das Pflegepersonal war noch nie in einem solchen Ausmaß mit Sterbenden konfrontiert, die Verweildauer sinkt dramatisch”, beobachtet Paul Herrlein, Geschäftsführer der St. Jakobus Hospiz Saarbrücken gGmbH. “Die Menschen bleiben zu Hause, so lange es geht. Erst wenn die Hilfsbedürftigkeit zu groß wird, wechseln sie ins Pflegeheim.” Feierabendheime entwickeln sich zu Sterbehäusern. “Das schafft das Pflegepersonal nicht allein. Deshalb müssen sich die Altenheime viel stärker als Schnittstelle für die Vernetzung von Hausärzten, ambulanten Hospizdiensten und auch Angehörigen wahrnehmen”, fordert Herrlein.
Hochbetagt und krank ins Pflegeheim
Wer heute ins Pflegeheim zieht, ist älter und kränker, als dies noch vor Jahren der Fall war - im Durchschnitt 86,7 Jahre. Etwa ein Drittel stirbt bereits in den ersten drei Monaten, im Durchschnitt leben Heimbewohner lediglich 2,6 Jahre vor ihrem Tod im Pflegeheim. Neun sterbende Menschen betreut jeder Pflegende pro Jahr im Durchschnitt - doch enge Zeitfenster und knappe Pflegesätze lassen zufrieden stellende Hospizarbeit bislang kaum zu: Der Personalschlüssel im Pflegeheim liegt bei durchschnittlich 3,5 Patienten pro Pflegendem, im stationären Hospiz dagegen kommen auf eine vollbeschäftigte Pflegekraft 0,7 Patienten (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V., “Leben bis zuletzt”).
Sterben in Würde
“Das Sterben in Würde im Krankenhaus oder im Altenheim ist ein großer Anspruch, dem diese Einrichtungen heute noch nicht gewachsen sind”, kritisiert Paul Herrlein. Integration von Hospizarbeit und Palliativkompetenz gehöre daher zu den wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre. Die Hospizbewegung - von hospitium, lateinisch für Herberge - mit mehr als 80.000 ehrenamtlichen geschulten Helfern (Bundesarbeitsgemeinschaft BAG Hospiz) möchte Sterbenden und deren Angehörigen emotionalen Beistand leisten, eine würdevolle Sterbekultur etablieren - für einen Tod ohne unerträgliche Schmerzen. Diesem Gedanken folgt die Palliativmedizin (Pallium, lateinisch für Mantel), die sich in den 60-er und 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Umfeld der Hospizidee entwickelte: Sie stellt die Linderung von Schmerzen in den Vordergrund. Ärzte, Pflegende, Psychologen, Seelsorger und Ehrenamtliche arbeiten zusammen, um in der letzten Lebensphase ein selbst bestimmtes und beschwerdefreies Leben zu ermöglichen.
Seit dem 1. April 2007 gehört die ambulante Palliativbetreuung zur Regelversorgung. “Ich hoffe, dass die Politik bis Ende September konkret sagt, wie der im ‘Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung’ formulierte Rechtsanspruch auf Palliativversorgung tatsächlich umgesetzt wird - auch in den Pflegeheimen”, sagt Paul Herrlein. Bisher reiche zudem die Qualifizierung von Pflegenden und Ärzten nicht aus: Nur eine Handvoll Lehrstühle für Palliativmedizin gibt es bisher in Deutschland, lediglich in München gehört sie zum Pflichtprogramm der Medizinstudenten, so Herrlein. Und bei Pflegekräften boomt dieses Thema vor allem in der Weiterbildung.
Abschiedskultur ist Managementaufgabe
“Ein Pflegeheim braucht eine Abschiedskultur, die gleichzeitig Lebenskultur ist. Es ist Aufgabe der Leitung, den Hospizgedanken zu fördern und zu pflegen”, fordert Maria Ziegenfuss, Referentin für Hospizdienste, Krankenhäuser und Krankenpflegeschulen beim Caritasverband für das Bistum Dresden-Meißen e.V. “Ein veränderter Umgang mit dem sterbenden Heimbewohner, seinen Angehörigen und schließlich mit dem Toten kann dem Ansehen einer Einrichtung nur zuträglich sein.” Hospiz- und Palliativversorgung müsse zum Qualitätskriterium für Pflegeeinrichtungen werden. Doch zu den Leitungsaufgaben gehöre auch die Fürsorge für Mitarbeiter: Pflegende brauchen Fortbildung in Palliative Care und entlastende Gespräche. “Pflegende und Ärzte haben Angst, nicht die richtigen Worte zu finden - auch gegenüber den Angehörigen. Sie erleben das als sehr belastend”, berichtet Uta Booth vom Referat Hospizarbeit und Palliative Care des Diakonischen Werkes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen e.V. - Diakonie Sachsen.
“Pflegende brauchen mehr Zeit für helfende Gespräche und Freiraum, emotional auf Patienten einzugehen.” Dass dies bisher nur ansatzweise gelungen ist, zeigt die Studie “Sterbebegleitung in Sachsen” von ZAROF - Zentrum für Arbeits- und Organisationsforschung e.V. Leipzig. Nur die Hälfte der sächsischen Pflegekräfte können sich mit ihrer Einrichtung identifizieren, fand die Untersuchung heraus: Sie könnten sich vorstellen, auch in dem Heim zu sterben, wo sie selbst beschäftigt sind. In den Krankenhäusern lehnen sogar 60 Prozent der Ärzte und 73 Prozent der Pflegekräfte das eigene Krankenhaus als möglichen Sterbeort für sich selbst ab. “Ein Projekt, hospzlich-palliative Abschiedskultur in Heimen zu etablieren, wird beispielsweise vom Diakonischen Werk Bayern in vielen Heimen unterstützt und durchgeführt. Externe Hospiztrainer befragen alle Mitarbeiter vom Management bis zur Reinigungskraft, welche Abschiedsrituale es in ihrem Haus gibt, wie es ihnen dabei geht und was sie gern verändern würden”, berichtet Uta Booth. “Und sie fragen die Bewohner nach ihren Wünschen. Daraus entwickelt sich ein Prozess der Veränderung, denn Hospiz ist eine Grundhaltung.” Allerdings funktioniere die Hospizidee nur ganzheitlich - bestehe nicht nur aus Schmerzmedizin und Palliativpflege, auch die Psyche, Soziales und Spirituelles gehören dazu: “Gerade am Ende ihres Lebens stellen viele Menschen die Sinnfrage, möchten über ihre Ängste sprechen und benötigen auch spirituellen Beistand”, erklärt Maria Ziegenfuss. “Spirituelle, sozialpädagogische und seelsorgerische Aspekte spielen eine wesentliche Rolle.”
“Die Beschäftigung mit dem Tod ist die Wurzel aller Kultur”, sagte Friedrich Dürrenmatt. Im Workshop “Implementierung von Palliativ- und Hospizversorgung in Einrichtungen und Möglichkeiten der Vernetzung” diskutiert Uta Booth von der Diakonie Sachsen Chancen und Möglichkeiten für die Integration des Hospizgedankens. Paul Herrlein von der St. Jakobus Hospiz Saarbrücken gGmbH informiert über die Gesundheitsreform und die daraus folgenden Entwicklungen der Hospiz- und Palliativversorgung. Maria Ziegenfuß vom Caritasverband für das Bistum Dresden-Meißen beleuchtet gemeinsam mit Vertretern der Kassen und von Hospizdiensten die Situation in Sachsen. Die Ergebnisse der Workshops fasst Barbara Schubert, Vorsitzende der LAG Hospiz Sachsen, zusammen. Sie berichtet über Erfahrungen, Forderungen und unterschiedliche Sichten beteiligter Berufsgruppen und Institutionen.
Hospizeinrichtungen in Deutschland
(Bundesarbeitsgemeinschaft BAG Hospiz):
Ambulante Hospizdienste: 1.450
Stationäre Hospize: 151
Palliativstationen: 139
Hospizeinrichtungen in Sachsen:
(LAG Hospiz Sachsen e.V.)
Ambulante Hospizdienste: 39 (+ 2 Kinderhospizdienste)
Stationäre Hospize: 4
Palliativstationen: 7
Ehrenamtliche Hospizhelfer: 1.200

