Alles so schön rosa hier …
Cathrin schrieb am Donnerstag, 23. August 2007, 12:22
Computerspiele mutieren zum Probelauf für junge Babysitter, zu Sprachtrainingsprogrammen für Karrieristen und zu Hubby-Dubby-Blubby-Unterhaltung. Von der GC 2007 - beobachtet von Cathrin Günzel und Sebastian Späthe.
In einem echten Computerspiel muss es krachen, rumsen und so richtig rasant zur Sache gehen. Bei UBISOFT zum Beispiel war das immer so. Doch plötzlich wird die Company - Heimstatt legendärer Shooter wie “Far Cry” oder des Egoshooters Haze - handzahm. “Die Zeit der Ballerspiele ist vorbei”, verkündet Yvonne Catterfeld auf der UBISOFT-Pressekonferenz zur GC 2007 - um dann nach Murmeln und Murren im Auditorium ein kleines Stück zurückzurudern, nach dem Motto: Zumindest kommen jetzt auch andere Spiele. Und was da kommt, jagt jedem Hardcore-Gamer Schauer des Grauens über aschfahle Haut, lässt die zuckenden Glieder des Mausfingers erstarren und schreckt die vom Bildschirm-Gemetzel müden Pupillen: “Babysitting”, “Mode-Designer” oder “Unsere Tierarztpraxis” heißen die Knallertitel aus der neuen Computerspielereihe “Sophies Freunde”, mit der UBISOFT die Spielerwelt zum Reinen und Guten bekehren will. Und dann gibt es da noch “Abenteuer Reiterhof”, “Hundefreunde”, “Katzenfreunde” und “Hamsterfreunde”. Soapstar Catterfeld ist Galionsfigur der neuen “Spiele für mich”-Kollektion weichgespülter UBISOFT-”Casual Games” für die ganze Familie.
Foto oben: Mädchen sind die neue Zielgruppe - ATARI-Girls an der Wii (Foto: Sebastian Späthe).
Mädchen, Tiere, Wohlbefinden - und natürlich Lebenshilfe und Knobelspaß für Senioren, das scheinen die Essenzen der neuen Weltbeglückungs-Mixtur, mit der die Computerspieleindustrie zukunftsträchtige Absatzmärkte erschließen und ihre Gewinne nach oben schrauben will. Denn der Markt der jungen Männer und spielbegeisterten Freaks ist abgegrast, glaubt man in den Managementetagen - spätestens mit der “Kochsimulation” namens “Kochspaß” wird man die bisherige kaufstarke Gemeinde der Ballermänner restlos von ihrem Lieblingshobby abschrecken. Vielleicht erleben wir ja eine neue Odyssee des Jungvolks auf die Fußballplätze - nach dem Motto der GC “Play. It’s your nature” - nur eben ein bisschen echter. Oder, um nicht gleich mit der Rasenrealität in Kontakt zu kommen: Die Counterstrike-Clans kaufen alle eine Wii und boxen sich am bewegungssensitiven Controller gemeinsam ihren Frust aus dem Leib. Und der gute Herr Beckstein hätte seinen Kampf gegen vermeintliche “Killerspiele” schon gewonnen, ohne überhaupt in die Schlacht gezogen zu sein - die Spieleindustrie eilt gehorsam voraus. Mit dem Schlachtruf “Pink!!!” und knallrosa Konsolen.
Immerhin: UBISOFT war eines der wenigen großen Unternehmen, das auf der GC noch eine echte Pressekonferenz veranstaltet hat - in einem richtigen Pressekonferenzraum, mit echten Fragen. Und ohne hüpfende halbnackte Hostessen, Beine schwingende Cheerleader sowie vor Begeisterung zappelnde Manager, die sich in der Rolle als Alleinunterhalter sichtlich wohl fühlten. Wie beispielsweise Thomas Zeitner, Geschäftsführer von Electronic Arts EA Deutschland, der vor riesigem Screen von der Bühne die Expansionspläne der Firma verkündete: 2010 sollen 50 Prozent der Deutschen spielen (heute sind es rund ein Drittel). Potenzial sieht EA zum Beispiel bei Couch-Fußballern, Besserwissern (”Smarty Pants - Das Besserwisserspiel”) und Luftgitarreros (”Rock Band”), bei denen es zur Musikkarriere nicht gereicht hat. Die, nun ja, “Journalisten” klatschten und pfiffen begeistert mit. Piep, piep, piep - in dieser Branche haben sich alle lieb. Warum da noch fragen? “Entertainer” Zeitner verschwand denn auch sofort ungefragt nach Ende seiner Show. Microsoft modelte seine als “Pressekonferenz” angekündigte Journalisten-”Vorführung” gleich zum Get Together um - nur für geladene Buffet-Gäste. Doch einer steht wie ein Fels in der Brandung: Homer Simpson. Er zieht unbeirrt in den Kampf - ab Herbst in den USA. “The Medal of Homer” - danke, EA, es ist wohl doch noch nicht alles im rosa Sumpf versunken. Und “Crysis” von der deutschen Entwicklerschmiede Crytek wird es ja auch bald krachen lassen - herausgebracht vom Pink Panther EA. Statt Trailer gab es laut Blogeintrag von EA auf der Games Convention für das breite Publikum nur eine leere Leinwand: “An dieser Stelle hätten wir euch gerne den Trailer zu Crysis gezeigt. Doch leider hat die USK ihn nicht freigegeben.” - weil er Szenen enthält, so steht es im GC-Blog des Unternehmens, “die für unter 12-Jährige nicht geeignet sind. Laut USK waren das Übermaß an Blut und ein gezeigter Würgegriff Grund für das Verbot.”

Yvonne Catterfeld promotet “sanfte” Spiele (links). public-play-crew vor dem Blizzard-Stand (rechts) - bei Blizzard hat man uns am GC Pressetag vom Fotografieren abgehalten. Die Zerberusse am Eingang wollten uns nicht reinlassen - wir könnten ja später wiederkommen. Auch in diesem Jahr war der Standbau mustergültig: Spielen im Sand, zwischen Palmen bei Microsoft (unten).

Doch nicht alles weichgespült: In der Über-18-Area des UBISOFT-Standes wurde geballert (links). Pressetag der GC: Auch Journalisten mögen die leicht bekleideten Hostessen (rechts). Legendär: Die GC-Babes - so verkauft man Spiele (unten).

Witzbolde: Filmen verboten am Pressetag der GC 2007 (links). Bei Microsofts als Presseveranstaltung getarntem “Get 2gether” durften nur geladene Gäste rein - der Mann mit der Liste sorgte für die Selektion (rechts). “Soldier of fortune”: Glücklicher Soldat zwischen zwei GC-Babes (unten).

Bunt, bunter, am buntesten: GC 2007 bedeutet vor allem eins: Verführung. Keine Fragen (links). Gamers Paradies: richtig abhängen vor Superbildschirmen (rechts).

Unendlich viele Namensschildchen - Vor der GC Eröffnungsgala in der Glashalle.
Alle Fotos: Sebastian Späthe

