Die Krimi-Arche
Cathrin schrieb am Mittwoch, 20. Juni 2007, 17:29
Die Himmelsscheibe von Nebra hat ihr eigenes Museum. Am 21. Juni 2007 eröffnet die “Arche Nebra” und erzählt die spannende Geschichte der archäologischen Fundstätte.
Beitrag von Cathrin Günzel, erschienen bei FOCUS Online.
Bildergalerie zur Arche Nebra bei FOCUS Online.
Ein UFO ist gelandet, mitten im Wald, nahe der Unstrut in Sachsen Anhalt. Nicht weit von der Kleinstadt Nebra lugt es durch die Bäume. 60 Meter lang ist der Rumpf des “Raumschiffs”. Seine gelbgoldene Aluminiumhaut glänzt leicht in der Sonne, ein großes Panoramafenster schaut in Richtung Mittelberg. Dort, in drei Kilometer Entfernung, ragt ein bunkerähnlicher Betonbau in die Luft, in den Matsch der kahlen Hügelspitze gerammt. Sein kompakter Körper ist wie von einem riesigen Blitzstrahl in zwei Teile gespalten - die Lücke gibt den Blick auf den Himmel frei. Doch das UFO und sein Bunker sind keine Boten aus der Zukunft, sondern künden von der Vergangenheit: Die kühne goldene Konstruktion ist irdischer Natur, von Sachsen-Anhalts Archäologen in die Landschaft gesetzt zu Ehren der bei Nebra gefundenen Himmelsscheibe.
In der “Arche Nebra” wird die Räuberpistole um den archäologischen Jahrhundertfund lebendig - ein Krimi um kleine Ganoven und große Hehler. Zum Museum gehört auch der zweigeteilte “Bunker” auf dem Gipfel: Er steht 100 Meter höher und leicht geneigt, wie der Zeiger einer überdimensionierten Sonnenuhr, neben der Ausgrabungsstätte der 32 Zentimeter großen, 2,3 Kilogramm schweren Himmelsscheibe. In Turm-Inneren lässt knalliges Gelb die graue Außenfassade vergessen, 176 Stufen führen auf eine Plattform, 30 Meter über der Erde. Der Blick reicht über die Baumwipfel bis zum Brocken, dem höchsten Berg des Harzes. Von oben ist der genaue Fundort der bronzezeitlichen Astroplatte leicht zu identifizieren: Ein spiegelglatt poliertes “Auge” aus Edelstahl glotzt in den Himmel, wo sich am 4. Juli 1999 Räuber zu schaffen machten. Mit Schaufeln und Hammer bewaffnet, plünderten sie das Depot aus grauer Vorzeit. Sie fanden Bronzeschwerter, zwei Beile, einen Meißel und Bruchstücke spiralförmiger Armreife - und die Himmelsscheibe. Doch die dreckige Scheibe, die aufrecht in der Grube stand, kam ihnen anfangs gar nicht wertvoll vor, sie hielten das 3600 Jahre alte Stück für einen billigen Deckel.
Die Scheibe mit der ältesten konkreten Himmelsdarstellung der Welt gelangte auf den Schwarzmarkt, wanderte durch Hehlerhände, bis Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, und die Polizei sie in einer spektakulären Aktion am 26. Februar 2002 im Baseler Hilton-Hotel “befreiten”. Meller hatte den Ruhm, Sachsen-Anhalt den unermesslich wertvollen Bronzezeit-Fund. Zunächst aber war die Ausgrabungsstelle unbekannt. “Doch um die Scheibe zu verstehen, brauchten wir genaue Angaben”, so Meller. Der Krimi ging weiter: Die Polizei bohrte, bis einer der Zwischenhändler zusammenbrach und gestand. “An einem heißen Augusttag 2002 stolperten der Hehler, seine Freundin im bizarren Aufzug mit hohen Stöckelschuhen, ein Ermittler des Landeskriminalamts und ich durch den Wald, auf die Spitze des Mittelbergs”, erinnert sich Meller. “Ich hatte 40 Grad Fieber, wollte aber unbedingt zum ersten Mal am Fundort stehen.” Damals war der Hügel noch bewaldet. Inzwischen sind die Bäume abgeholzt, der Blick auf die Ausgrabungsstätte und eine eisenzeitliche Wallanlage frei. Bald soll auf dem matschigen Boden Gras wachsen. 50 Zentimeter breite Betonbänder durchziehen die Erde, eingestanzte Inschriften geben die Blickrichtung an. Auch der vertikale Spalt im Turm hat tiefen Sinn: Er markiert die Linie, in der die Sonne zur Sommersonnenwende am 21. Juni untergeht. Die Linie bildet gleichzeitig die Sichtachse zum Brocken ab, Orientierungspunkt für die Nutzer der Himmelsscheibe.
“Wir wollen hier kein langweiliges Museum, mit alten verstaubten Töpfen in Glasvitrinen”, sagt Harald Meller. Und so ist das Wort “Museum” für die Arche Nebra eigentlich fehl am Platz: Im Inneren des Bauwerks - der “Sonnenbarke” auf der Himmelsscheibe nachgebildet - verbirgt sich vielmehr eine coole Lounge in Orange, Grau und Weiß. Über den Köpfen der Besucher schweben die auf der Himmelsscheibe glänzenden Himmelskörper - Sterne, Mond, die Plejaden. Der Krimi um die Jagd nach dem archäologischen Kleinod wird als Kasperletheater lebendig. Weiße dreidimensionale “Geister” werden zwischen Mondscheiben oder in einen Bronzezeittopf projiziert, bespaßen die Besucher mit wildem Geplapper und puscheln die Himmelsscheibe sauber - schrilles Entertainment abseits herkömmlicher Museumspfade. Das Planetarium der Arche zeigt in 20 Minuten, wie in der Bronzezeit mit der Himmelsscheibe von Nebra gerechnet wurde. Denn alle drei Jahre wurde ein Schaltmonat eingelegt, damit Sonnen- und Mondjahr übereinstimmen. Die Himmelsscheibe zeigte an, wenn es Zeit für den Zusatzmonat war. Das Planetarium Hamburg produzierte das multimediale 360-Grad-Spektakel. Die deutsche Stimme von Antonio Banderas, Bernd Vollbrecht, spricht die Astro-Lektionen und die Musik kommt - passend zur Scheiben-Show im amerikanischen Stil - aus Hollywood: Vom Filmmusik-Komponisten Alexander van Bubenheim, der unter anderem “Das Experiment” vertonte.
Paradox allerdings: Das Original der Himmelsscheibe von Nebra ist in der Arche nicht zu sehen. Das teure Stück mit angeblich 100 Millionen Euro Versicherungswert liegt im Tresor und wird erst im Mai 2008 präsentiert - allerdings in Mellers Museum für Vorgeschichte in Halle/Saale. Die Arche Nebra dagegen lebe von der “Aura des Fundortes”, so Harald Meller, “Das authentische Hauptausstellungsstück ist der Berg mit der Ausgrabungsstelle.” Der einst mit Grabhügeln übersäte 252-Meter-Hügel berge aber noch mehr Überraschungen, ist der Archäologe überzeugt: “In der nächsten Woche fangen wir mit neuen Grabungen an.”
Ab 21. Juni hat die Arche Nebra geöffnet, von April bis Oktober zwischen 10 und 18 Uhr, von November bis März von 10 bis 16 Uhr. Montags ist sie geschlossen.

