Keine Steckdosen, keine Computer
Cathrin schrieb am Mittwoch, 7. März 2007, 16:07
Neue Medien sind die Basis guter Schulbildung, doch in deutschen Klassenräumen mangelt es nach wie vor an Computern und Internetanschlüssen. Veröffentlicht von Cathrin Günzel in FOCUS Online am 5. März 2007.
Was Hänschen nicht lernt, verbaut dem Hans die Karriere: Wer heute die Schule ohne Computer- und Internetkenntnisse verlässt, hat kaum Chancen auf einen guten Ausbildungsplatz und Erfolg im Beruf. Doch in vielen deutschen Klassenzimmern fehlt es sogar an den nötigen Steckdosen, um Computer und Bildschirme überhaupt anzuschließen. Vom Internetzugang ganz zu schweigen. Ausstattungsdefizite über alle Schulformen hinweg fand die “Bildungsstudie Deutschland 2007″ von FOCUS und Microsoft, die am Dienstag auf dem 3. FOCUS-SCHULE Bildungsgipfel in Berlin vorgestellt wird: Nur 56 Prozent der befragten Lehrer an Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien berichten laut Studie, dass in ihren Schulen ausreichend Räume mit genügend Steckdosen für den Computereinsatz vorhanden sind. Und nur 46 Prozent finden in ihrem Schulgebäude genug Zimmer mit entsprechenden Internetanschlüssen vor. Finster schaut es auch bei der Hardware-Ausrüstung aus: Lediglich 55 Prozent der Pädagogen glauben, dass genug Rechner samt zugehörigem Equipment im Computerraum ihrer Schule stehen. Für die Klassenzimmer bestätigen dies sogar nur 17 Prozent. Mit genug Software für fachbezogene Programme ist eine Minderheit von 32 Prozent ausgestattet.
Kein Wunder also, dass die Lehrer Neue Medien eher zur Unterrichtsvorbereitung einsetzen als regelmäßig ihren Unterricht damit zu gestalten. Obwohl Neue Medien in der Schule für 85 Prozent der Pädagogen wichtig sind - und noch vor Biologie, Geschichte oder Physik rangieren. In der viel gescholtenen Hauptschule kommen Computer im Unterricht übrigens wesentlich häufiger vor als am Gymnasium. So nutzen über 60 Prozent der Hauptschullehrer den Computer im Fach Deutsch, aber lediglich 30 beziehungsweise unter 30 Prozent ihrer Kollegen an den Real- und Gesamtschulen sowie am Gymnasium. Über alle Schulformen hinweg kommen Computer vor allem in Deutsch, Mathematik und Geschichte zum Einsatz. Trotzdem sind 63 Prozent aller befragten Lehrer zufrieden mit der Wissensvermittlung zu Neuen Medien im Unterricht.
Lehrer: Bereit zur Weiterbildung
Weniger zufrieden sind Eltern und Entscheider im Personalwesen, sie sehen beim Thema Neue Medien mehr Handlungsbedarf als die Lehrer: Nur 46 Prozent der Eltern und 27 Prozent der Personalverantwortlichen halten die schulische Vermittlung entsprechender Kenntnisse zurzeit für ausreichend. Denn in der “Bildungsstudie Deutschland 2007″ kommen nicht nur die Pädagogen zu Wort: TNS Infratest MediaResearch aus München befragte im Auftrag von FOCUS und Microsoft neben 606 Lehrern der Sekundarstufe allgemeinbildender Schulen auch 810 Eltern mit Schulkindern zwischen 10 und 19 Jahren sowie 404 Personalverantwortliche aus Wirtschaft und Verwaltung über ihre Erwartungen an das Schulsystem.
Einig sind sich alle Parteien, dass Computer- und Internetkenntnisse die Chancen in Ausbildung und Beruf verbessern. Allerdings sehen die Eltern dabei vor allem die Schule in der Pflicht: Nur 24 Prozent der Eltern sehen die Entwicklung von Medien- und Computerkompetenz als eigene Aufgabe an - obwohl bei 86 Prozent der Mütter und Väter mindestens ein PC im Haushalt steht. Dementsprechend sind Eltern auch weniger bereit, Zeit und Geld in die eigene Fortbildung im Bereich Neue Medien und Computer zu investieren: Während 84 Prozent der Lehrer ihre Bereitschaft zum Einsatz von Zeit beziehungsweise Geld signalisieren, möchten lediglich 59 Prozent der Eltern Zeit oder Geld opfern. 26 Prozent der Mütter und Väter finden Kurse generell nicht gut. Auch bei den Lehrern stehen Computerlehrgänge nicht an erster Stelle: Sie bevorzugen Fachbücher und PC-Lernprogramme.
Ahnungslose Eltern, mangelnder Dialog
Für 65 Prozent der Lehrer - und übrigens auch 61 Prozent der Entscheider - sind Computer, Informationstechnik und Neue Medien für den Wissenserwerb von zentraler Bedeutung. Dieser Meinung schließen sich 59 Prozent der Eltern an. Bisher mangelt es allerdings am Dialog zwischen Eltern und Lehrern über Lehrmittel und Lerninhalte sowie den Wissensstand der Kinder: “Eltern sind häufig nicht auf dem letzten Stand, was die Ausstattung der Schule ihrer Kinder angeht”, heißt es in der Studie. “Je weniger die Eltern die Lehrmittel aus ihrer eigenen Schulzeit oder ihrem Alltag kennen, desto weniger scheinen sie über den Einsatz in der Schule ihrer Kinder zu wissen”, so das ernüchternde Ergebnis. Das Wissen der Eltern ist mehr “gefühlt”, als dass es auf realen Erfahrungen beruht: Zwar glauben 87 Prozent der Eltern, dass Computer in der Schule eingesetzt werden, doch 27 Prozent wissen nicht, ob auf den Geräten eine spezielle Lernsoftware läuft. Ebenso müssen 41 Prozent bei der Frage nach dem Einsatz eines modernen Intranets in der Schule ihres Nachwuchses passen. 29 Prozent der Eltern denken, dass ein Intranet an der Schule vorhanden ist und im Unterricht eingesetzt wird - aber nur 17 Prozent der Lehrer bestätigen, dass an ihrer Schule ein solches schulinternes Netz existiert. Auch den Einsatz von Computern im Unterricht schätzen Eltern mit 87 Prozent deutlich höher ein, als er nach Angaben der Lehrer tatsächlich ist: Demnach liegt er bei lediglich 73 Prozent.
Computer als Bildungsbasis
Der Umgang mit dem PC gehört zur Basis der Schulbildung - darin sind Eltern, Lehrer und Personalentscheider einer Meinung: Ohne entsprechende Kenntnisse sinken die Chancen im Beruf, sagen zum Beispiel 93 Prozent der Lehrer. Andererseits fürchten die Hälfte der Eltern und Entscheider, PC und Internet könnten die Autorität der Lehrer untergraben - doch diese Gefahr sehen nur 28 Prozent der Pädagogen. Während zahlreiche Eltern und Personalverantwortliche jedoch glauben, durch Computer würde Lernen effizienter und transparenter, sind Lehrer nicht ganz so optimistisch: Lediglich 62 beziehungsweise 63 Prozent der Pädagogen teilen diese Auffassung. 82 Prozent glauben, mit Büchern lernt es sich genauso gut wie mit dem Internet. Doch nur 39 Prozent behaupten, dass die klassischen Lehrmittel zur Wissensvermittlung noch ausreichen.
Lebenslanges Lernen
Schüler von heute müssen vor allem “das Lernen lernen”, um sich später im Beruf selbständig weiterzubilden. Dafür ist der Computer nach Auffassung der Lehrer ein besonders wichtiges Werkzeug - weil er bei der Beschaffung von Informationen und Wissen hilft. Deshalb gehört die Internet-Recherche für 87 Prozent der Lehrer zu den wichtigen Bestandteilen des Unterrichts. Allerdings pflichten dem lediglich 64 Prozent der Personalentscheider bei. Noch wichtiger ist den Pädagogen jedoch die Textverarbeitung - 92 Prozent halten es für wichtig, dass Schüler das Schreiben mit dem Computer erlernen. Das sehen Entscheider ähnlich: 84 Prozent befürworten entsprechenden Unterricht für die künftigen Auszubildenden. Zudem würden es 69 Prozent gern sehen, wenn Schüler das Erstellen von Tabellen beherrschen.
Schule muss moderner werden
Die Schule muss moderner werden - zumindest wenn es nach den Eltern geht. Bei den Eltern ist die Zufriedenheit bei den klassischen Fächern wie Deutsch, Biologie oder Mathematik höher als bei den moderneren. Auch die befragten Personalentscheider sind unzufrieden mit den Leistungen der Schule. Fazit der “Bildungsstudie Deutschland 2007″: Mehr und kontinuierlicher Dialog zwischen Schule, Wirtschaft und Eltern. Alle drei Gruppen sehen im Bereich moderner Technologien Handlungsbedarf: “Eltern, Lehrer und Entscheider betonen in den Befragungen der Studie die hohe Bedeutung von Computer und Internet für die Schule”, heißt es in der Untersuchung, “Der PC dürfte schon bald unter die Top 3 der meistgenutzten Unterrichtsmaterialien aufsteigen.”
Siehe auch Interview: “Lernen 2.0 ist schon da” mit Achim Berg, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, geführt auf dem FOCUS Schule Bildungsgipfel.
Bericht “Launiger Gipfel über die Schule der Zukunft” vom FOCUS-Schule Bildungsgipfel im März 2007 in Berlin.

