Kunst gehört nicht in Archive
Cathrin schrieb am Dienstag, 20. Februar 2007, 13:15
Interview mit Stefan Kluge von VEB FILM Leipzig, geführt von Cathrin Günzel Mitte/Ende 2006 über die Zukunft freier Filme und Creative Commons.
“Kunst gehört nicht in Archive, sondern auf den Tisch - und wenn jemand unsere Songs oder Filme remixt oder weitergibt, dann verstehen wir das als Kompliment und nicht als kriminellen Akt!”, meint Kluge, “Die massenhafte Kriminalisierung der Filesharer ist für uns nichts anderes als der verzweifelte Versuch der Konzerne, die bestehenden Machtverhältnisse in die neue Welt hinüberzuretten. Ich glaube nicht, dass sie damit durchkommen.” VEB FILM Leipzig veröffentliche ihren 104-Minuten-Film “Route 66 - ein amerikanischer (Alb-)Traum” Ende 2004 als ersten deutschen “Open Source”-Spielfilm zum kostenlosen Download für Computer und iPod im Internet. Inzwischen wurde der Film 750.000 Mal heruntergeladen sowie auch über P2P-Netze und 600.000 Mal via DVD verbreitet. VEB FILM Leipzig erreichte mit “Route 66″ über 1,5 Mio. Zuschauer, ohne vorher am Markt präsent gewesen zu sein.
VEB FILM Leipzig arbeitet nach “Route 66″ am nächsten freien Film “Die letzte Droge“, dem ersten freien HD-Film der Welt. Wann wird die Premiere stattfinden?
Kluge: Kann ich leider noch nicht genau sagen. Ich denke, der Film wird im Frühjahr 2007 fertig sein. (Anmerkung der Autorin: Auf der Homepage ist inzwischen das 2. Quartal 2007 als Veröffentlichungstermin bekannt gegeben.)
VEB FILM hatte die Idee von einer Filmpremiere in der gehypten 3D-Welt “Second Life“…?
Kluge: Das wird bestimmt auch stattfinden, allerdings parallel, das heißt, die Offline-Premiere wird dann gleichzeitig laufen oder eventuell ein paar Stunden eher - wegen der Zeitverschiebung. Auf die Offline-Premiere will ich nicht verzichten.
Termine und Ort der Premiere sind also noch offen - aber haben Sie sich schon auf eine Lizenz festgelegt, unter der der Film veröffentlicht wird?
Kluge: Ich habe mich auf die Creative Commons BY-Lizenz. Das ist schon eine kleine Sensation. Mir ist kein Spielfilm bekannt, der jemals unter einer solch liberalen Lizenz veröffentlicht wurde. Im Open Source Jahrbuch 2007 wird ein Artikel von mir erscheinen, in dem ich argumentiere, warum diese Lizenz für das Geschäftsmodell von VEB FILM Leipzig von allen Open-Content-Lizenzen am meisten geeignet ist - und das, obwohl sie kaum Künstler einsetzen. Denn sie erlaubt allen, mit dem Werk Geld zu verdienen.
Warum Netlabel, warum Creative Commons, warum so viel Freiheit - während auf der anderen Seite im Netz inzwischen vieles zu Geld gemacht werden soll?
Kluge: Ich war neulich in einer virtuellen 3D-Online-Welt. Diese Welten sind echt schnell: Nach einer halben Stunde saß ich schon gemeinsam mit einem Filmemacher aus Quebec, einer Real Life-Videoproduktion-Dozentin und einem Pionier des virtuellen Films (einem Machinima-Filmemacher)gemeinsam in dessen Strandhaus. Wir saßen vor einer Videoleinwand und streamten unsere letzten Filmproduktionen, nachdem wir uns 30 Minuten zuvor kennengelernt hatten. Die nächste VEB FILM Leipzig-Filmpremiere wird auch in einem solchen virtuellen Filmtheater stattfinden. Die Jungs und Mädels von Creative Commons unterstützen uns dabei, denn die sind auch immer für abgefahrene Geschichten zu haben, insbesondere wenn die mit Free Culture zu tun haben.
Die etablierten Filmproduzenten bauen ja eher DRM-Mauern um ihre Produktionen…
Kluge: Paramount, Disney oder Miramax kommen nicht auf solche Ideen - das ist die Welt der Netlabels. Was die Lizenzen angeht: es ist längst überfällig, dass wir uns diesen Mist nicht mehr gefallen lassen, den einige Konzerne da durchziehen. Disney beispielsweise wurde mit der Verfilmung von Volksmärchen groß, die frei sind von Urheberrechts- oder Lizenzreglementierungen. Dabei sind großartige Kunstwerke enstanden. Nun steht unsere Generation in den Startlöchern, auf Basis dieser Werke etwas Neues zu schaffen und wird von den Anwälten der Konzerne zurückgeprügelt.
Sony baut klasse Kopfhörer, aber das Digital Rights Management, das das Unternehmen seinen Kunden zumutet, zeugt ganz klar von einer Vision der Zukunft der Kunst, die weder Künstlern noch Kunstliebhabern gefallen wird. Kunst gehört nicht in Archive, sondern auf den Tisch - und wenn jemand unsere Songs oder Filme remixt oder weitergibt, dann verstehen wir das als Kompliment und nicht als kriminellen Akt! Wenn man als Label bei diesem Grundverständnis angekommen ist, dann kann man anfangen über eine Refinanzierung nachzudenken, die dies berücksichtigt. Nicht umgekehrt. Die massenhafte Kriminalisierung der Filesharer ist für uns nichts anderes als der verzweifelte Versuch der Konzerne, die bestehenden Machtverhältnisse in die neue Welt hinüberzuretten. Ich glaube nicht, dass sie damit durchkommen.
Sind Sie auch im realen Leben im Filmgeschäft aktiv - oder haben Sie andere Berufe?
Kluge: Viele aus unserer Crew haben IT- oder Film-Background. Unser Mann für die digitalen Spezialeffekte etwa arbeitet tagsüber fulltime an Mainstream-Produktionen und setzt sich an den VEB-Stuff, sobald die Sonne untergeht. Ein paar von uns sind inzwischen in der glücklichen Lage, fast fulltime für das Label arbeiten zu koennen. So kommen wir natürlich schneller weiter. Der Release unseres neuen Films wird wieder einen erheblichen Schub bringen, weil wir damit neue Maßstäbe in der Free Culture-Filmproduktion setzen. Dann können wir die Querfinanzierung aus anderen Projekten runterfahren. Ziel ist es natürlich, dass sich die Produktion solcher Filme selber trägt!
Über Ihre Website laufen Spenden- und Sponsoringaufrufe - wie erfolgreich waren die Appelle, freiwillig Geld zu geben, bisher? Haben Sie “mehr” erwartet?
Kluge: Die “Route 66″-Einnahmen haben es möglicht gemacht, unseren neuen Film zu produzieren! Das zwar nur unter extremen Arbeitsbedingungen, weil Geld natürlich knapp war. Aber das Ziel, mehrere Millionen Menschen 100 Minuten lang gut zu unterhalten, kann einigen Antrieb erzeugen! Wir sind bereit, sehr viel zu geben - weil wir davon überzeugt sind, dass die Zeit für Free Culture auf diesem Niveau im Internet gekommen ist. Die Leute werden es honorieren und wir werden so auch einen weiteren Film machen können. Das ist unser Plan.
Eine große Rolle bei unserem work flow spielen auch die vielen kleinen Spenden, mit denen wir teilweise die laufenden Kosten decken, um uns auf die Arbeit an Film und Sound konzentrieren zu können.
Wer möchte, kann DVD, Soundtrack oder das Buch zum Film kaufen und den Preis selbst bestimmen (außer den Eigenkosten) - wie hoch ist die durchschnittliche freiwillige Zahlungsbereitschaft?
Kluge: Knapp 8 Euro bekommen wir pro DVD oder CD. Das ist im Schnitt fast doppelt so viel, wie die Leute mindestens zahlen müssten! Es scheint sich also sogar zu rechnen, an das Gute im Menschen zu glauben!
Haben freie Inhalte im Filmbiz also eine Zukunft…
Kluge: Davon gehe ich aus. Netlabels, Podcaster, Video-Blogger - viele, die im Netz heute auf hohem kreativen Niveau tätig sind, veröffentlichen ihren Stuff unter einer Creative Commons-Lizenz. Wenn die Konvergenz der neuen und alten Medien in diesem Tempo weitergeht, kann es nicht mehr lange dauern, bis der Einfluss dieser Künstler für jeden spürbar ist!
Informationen über den Stand der Dinge bei “Die letzte Droge” veröffentlich VEB FILM Leipzig in ihrem Postproduktionsblog.
Stefan Kluge hat einen Auszug des Gespräches in englischer Sprache auf den VEB FILM Leipzig Webseiten veröffentlicht.
Weitere Artikel zum Thema:
“Freie Inhalte: Die heimliche Revolution” von Cathrin Günzel, veröffentlicht im September 2006 bei FOCUS Online;
“Gratisfilme zum Saugen” von Cathrin Günzel, erschienen in PC Magazin 9/2006.

