Die kollektive Intelligenz lebt im “Coffice”
Cathrin schrieb am Freitag, 24. November 2006, 21:48
Wie der Digitale Lifestyle in 20 Jahren aussieht? Eine Prognose versucht der Artikel “Vom Office ins Coffice” von Cathrin Günzel und Sebastian Späthe, erschienen im Magazin “blue line” von Hewlett-Packard, Ausgabe 03/2006. Hier die (längere) Originalfassung.
Luigi Colani lümmelt im Wohlfühlsessel seines kantenlosen “Rotorhauses”. Die Design-Legende drückt den Knopf der Zukunft. Wie von Geisterhand verschwindet das Bad und auf der “Drehbühne” taucht an dieser Stelle die Küche auf. Gerade nicht benötigter Raum verschwindet lautlos im Hintergrund. Der zentrale Wohnraum wechselt zwischen Wohnküche, Wohnbad und großzügigem Schlafzimmer. Das 36 Quadratmeter “kleine” Haus erscheint doppelt so groß. Design-Visionär Colani baut am Lebensraum des mobilen vernetzten Menschen. Doch das Arbeitszimmer hat er weggezaubert. “Das Büro braucht man nicht mehr, es wandert in das Notebook. Das habe ich selbst vor 10 Jahren noch vollkommen falsch eingeschätzt und Büromöbel entworfen. Doch das Büro auf dem Schoß ist die Zukunft”, glaubt der 78-Jährige. “Arbeiten werden wir am Notebook im bequemen “Faulenzersessel” und nicht am Schreibtisch im getäfelten Büro.” Der Design-Altmeister weiß, wovon er redet. Sich selbst nennt er “mobiles Arbeitstier”, unterwegs zwischen Europa und Asien. “Dass ich zu Hause und unterwegs mit meinem Notebook arbeiten kann, ist der große Vorteil der Globalisierung. Wenn ich in China bin, mache ich alles mobil.”
Der Designaltmeister gehört zu den Vorreitern eines Trends, der große Teile der Wirtschaft erfasst hat. 22 Prozent aller Beschäftigten europäischer und nordamerikanischer Großunternehmen sind laut Forrester bereits mobil vernetzt. Die Arbeit erobert Bahnhöfe, Hotellobbys, Zugabteile und Lounges sowie ehemals für die Freizeit reservierte Lebensräume wie Cafes, Restaurants, Clubs, Biergärten und gar Badestrände. Überall erreichbare Datenbanken werden die Produktionsstätten von morgen sein.
Coffice statt Office
“Der öffentliche Raum wird durch neue Nutzungsmuster partiell transformiert, vor allem durch die wachsende Zahl an Out-of-Office Arbeitern und ‚Ein-Personen-Wissens-Unternehmen’”, prognostiziert Gereon Uerz, Future Analyst beim Essener Think Tank Z_punkt. “Mit mobilen und vernetzten Endgeräten wie PDA und Laptop nutzen sie den öffentlichen Raum als Arbeitsumgebung. Cafes werden von Plätzen der Muße, des Genusses, des visuell-kognitiven Flanierens zu ausgelagerten Büros mit Rundumversorgung. Das beste Beispiel ist heute Starbucks. Es entsteht das Coffice - das Coffee office”, so der Autor der Zukunftsanalyse “ÜberMorgen”. Der ideale Raum für “digitale Arbeitsflaneure”, um ihre neuen und schicken Geräte in der Öffentlichkeit vorzuführen. Die Zeiten grauer Funktionskisten sind dann endgültig vorbei. “Wie es heute Raucher- und Nichtraucherbereiche gibt, werden die Cafes der Zukunft in Arbeits- und Freizeitbereiche unterteilt. Auch die Arbeitszonen werden viel wohnlicher sein und mit Aromen, Klängen sowie Sauerstoffdusche für Inspiration sorgen und die Produktivität unterstützen.”
Der vernetzte Webtop
Noch macht die Komplexität der IT jedoch den Mobilarbeitern zu schaffen. “Die verlockende Vision der vernetzten Zukunft ist für viele ein Webtop. Das ist ein komplett webbasierter virtueller Desktop, der Software und Daten ins Netz auslagert”, erläutert Willi Schroll, Research Analyst für Emerging Technologies bei Z_punkt. “Ich muss mich nicht mehr um Updates und Sicherheit kümmern, dieser ‚Netzcomputer’ begleitet mich überall hin und ich kann ihn mit jedem Gerät bedienen.” Das Konzept Software as a Service (SaaS) ist zwar nicht neu, wird aber erst durch Breitband überall möglich.
Die Weisheit der Massen
“Es ist immer noch Tag eins”, erinnert Amazon-Chef Jeff Bezos. Wir stehen erst am Anfang der mobilen vernetzten Evolution. Und das Internet wird zum Werkzeug kollektiver Intelligenz. Das Synonym dafür heißt heute “Web 2.0″, das Mitmach-Web. Es fördert die Wissens-Kollaboration von vielen und ermöglicht bessere Entscheidungen durch die “Weisheit der Massen”, wie es der “New Yorker”-Kolumnist James Surowiecki nennt. Statt nur zu konsumieren kann der Einzelne leicht zum Produzenten seiner Informationen werden, seine Meinung äußern. Er wird Teil eines Ganzen, das in der Regel mehr ist als die Summe der Einzelleistungen. “Die bekanntesten Beispiele für diesen User-Generated Content sind Weblogs, Wikis, Sharing-Portale für Bilder und Videos”, erklärt Willi Schroll, Mitautor des “Web 2.0 Reports”. Bereits 1995 zapfte Amazon die Hirne seiner Kunden an, ließ sie kommentieren und empfehlen. Das Unternehmen setzte auf den Netzwerkeffekt: Je mehr mitmachen, desto mehr werden von dem Sammelwissen angezogen und umso attraktiver und wertvoller wird das Angebot. Aus einem Online-Buchladen, der nichts anderes anzubieten hatte, als andere Buchshops auch, wurde durch “soziales” Marketing ein Handelsgigant, der heute als Synonym für E-Commerce steht. Welche Kraft das “Social Web” entwickelt, beweisen die rund 55 Millionen Weblogs weltweit. Gratiswissen - zusammengetragen von unzähligen Freiwilligen - zwingt herkömmliche Medienhäuser und Verlage zur Neudefinition ihrer Geschäftsstrategien. Das bekannteste Beispiel für freies Wissen ist die erst fünf Jahre alte Online-Enzyklopädie Wikipedia. Heute mit fast vier Millionen Artikeln in zahlreichen Sprachen eines der 20 populärsten Internetangebote der Welt.
Unter dem Schlachtruf: “Broadcast Yourself” erzeugen Webangebote wie “YouTube” mit 20 Millionen Besuchern pro Monat und 65.000 neuen Privat-Videos pro Tag unerwartete Anziehungskräfte. Schon heute lädt die Hälfte der Zwölf- bis Siebzehnjährigen in den USA Texte, Videos oder Fotos ins Netz. In etwas 10 Jahren sollen “Do it yourself”-Medienmacher” sogar bis zu 15 Prozent der Medieninhalte produzieren. Der australische Medienzar Rupert Murdoch sieht die Medien in Zukunft als Fastfoodware von und für die Massen. Die “alte Tante BBC” gehört zu den Medienhäusern, die den Trend erkannt haben. Mit BBC 2.0 reagieren die Briten. Sie öffnen der Allgemeinheit ihre Archive und fordern ganz in Stil von Open Source: “Don’t just consume, create! Rip it. Mix it. Share it. Come and get it.”
Schlachtruf Crowdsourcing
“Crowdsourcing” lautet eines der Schlagworte der Zukunft. Die Zeit des Gratiscontent von allen für alle wird in einigen Jahren vorbei sein. Schon jetzt versuchen Unternehmen, den vielen Einzelnen - der Wissens-Crowd - ihr Wissen günstig abzukaufen. “Das kostet deutlich weniger als traditionelle Angestellte zu bezahlen”, postuliert Jeff Howe, Autor beim US-Kultmagazin “Wired”. “Das ist kein Outsourcing sondern Crowdsourcing.” So wird der Konsument gleichzeitig an Produktentwicklung, Marketing und Absatz beteiligt.
Konzerne wie Pharmaunternehmen Eli Lilly beginnen zu erkennen, welches Potenzial im Crowdsourcing liegt: Vor fünf Jahren gründete es Innocentive. Gegen Prämien zwischen 5.000 und 100.000 Dollar sollen freie Experten Entwicklungsaufgaben lösen. “Eine Abschottungsstrategie macht ein Unternehmen heute langsam”, betont Willi Schroll und warnt davor, statt auf offene Standards auf geschlossene Systeme zu setzen. “Standards sind wie Partituren, die es ermöglichen den Zusammenklang eines großen Orchesters zu erreichen.” Wer nicht kooperiert, stirbt. Wer alles kontrollieren will, tötet auch neue Ideen, die abseits des Mainstreams entstehen, aber kollektives Wissen nutzen und Zukunft dominieren können. “Individuelle Intelligenz zeigt den Weg zu neuen Produkten und neuen Trends. Aber durch kollektive Intelligenz werden sie umgesetzt und verwertet”, sagt Technologie-Vordenker Tim O’Reilly. Die Karten könnten neu gemischt werden. “Google, Yahoo! und Microsoft kämpfen bereits jetzt darum herauszufinden, wer das ‚neue Microsoft’ sein wird”, so Webvisionär O’Reilly.
Haus der Zukunft
“Die Zukunft ist hier, Sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt”, schrieb Science-Fiction-Autor William Gibson. Der Schweizer Daniel Steiner ist schon bei der Zukunft eingezogen. “Haus! Licht an”, befiehlt er seiner Wohnstätte, dem digitalen Futurelife-Haus im Schweizer Kanton Zug. Das Haus gehorcht. Selbst auf Anweisungen aus der Ferne. Per Handy schaltet der 44-Jährige ein vergessenes Bügeleisen ab, heizt den Backofen vor oder entriegelt Besuchern die Tür, damit sie nicht im Regen warten müssen. Morgens öffnen sich die Jalousien bei Sohn Carlo und Tochter Grace abhängig vom Stundenplan: “Für jeden Raum kann ich definieren, welche Musik weckt”, erzählt Steiner. Alle Geräte im Haus sind vernetzt. Doch das ist erst der Anfang, meint Thomas Luckenbach. “Bei der Vernetzung, Inbetriebnahme, Konfiguration und Fernwartung liegen die Geräte der Heimelektronik rund zehn Jahre hinter dem zurück, was mit einheitlichen Standards technisch möglich wäre”, sagt der Forscher vom Competence Centre Smart Environments des Fraunhofer-Instituts für offene Kommunikationssysteme FOKUS. “In ein paar Jahren vernetzen wir unsere Wohnungen und sind mit Freunden und Verwandten ‚auf Knopfdruck’ verbunden. Ist uns langweilig, treffen wir uns im Netz, bestellen einen Film und schauen ihn gemeinsam - aber jeder auf seinem Sofa”, glaubt der Wissenschaftler. “Vor allem die Generation 50+ kann so ihre Beziehungen zu Familie und Bekannten pflegen, selbst wenn sie tausende Kilometer trennen.”
Mobil vernetzt
Unterwegs navigieren Location Based Services am nächsten Stau vorbei direkt zum freien Parkplatz am Supermarkt oder Flughafen. “Ein Rechner im Netz arbeitet auch meinen virtuellen Einkaufszettel ab, meldet, wo ich Schnäppchen machen kann und welche Läden in der Nähe andere Konsumenten mit ähnlichem Geldbeutel und Einkaufsverhalten bereits getestet haben und empfehlen”, schaut Luckenbach in die Zukunft. Jeder erhält nur die Daten, die ihn wirklich betreffen und die er wünscht. “Für die mobile Kommunikation bauen Staat und Industrie in den USA gemeinsam an einem einheitlichen Netzwerk für öffentliche Straßen. Das Auto soll dann digital mit der Umwelt, mit anderen Fahrzeugen und auch mit Fußgängern - zum Beispiel über PDA oder Handy - kommunizieren und so Unfälle vermeiden, aktuelle Verkehrs- und Umweltinformationen erhalten und weitergeben können”, berichtet Luckenbach, der selbst an der nahtlosen Kommunikation verschiedenster Geräte forscht. “Ist die Infrastruktur einmal da, kommen die guten Ideen sehr schnell. Am Internet kann man sehen, mit welcher Dynamik die Verbreitung voranschreitet, wenn es für alle geltende Regeln gibt. Gab es Mitte der 90-er Jahre nur rund 5 Millionen Rechner im Internet, so sind es derzeit rund 400 Millionen.” Fünfzehn mal mehr als die kühnsten Prognosen vor einigen Jahren annahmen.
Technologie als Jugendersatz
“Die Anschlussfähigkeit der Leute wird eher unterschätzt”, meint Peter Wippermann, Gründer des Trendbüros. “Die Überalterung wird technologischen Revolutionen Vorschub leisten. Wenn die Technologie uns das Gefühl von Jugendlichkeit gibt, wird sie akzeptiert”, sagt der Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Duisburg/Essen. Höher gelegte Autos, im Härtegrad individuell einstellbare Sofas täuschen über Rückenprobleme und Übergewicht hinweg. “Vieles, was wir heute noch physisch tun, erledigen wir dann mit einem Fingerzeig. Der Mensch wird zum Knotenpunkt in einem interaktiven Netzwerk. Bildschirme werden immer größer, damit auch schwächere Augen sie erkennen. Sensor- und Analysetechnologie wandert vom Krankenhaus in die eigenen vier Wände.” Solange Körper, Sportlichkeit und Jugendlichkeit idealisiert werden, wolle der Mensch den Körper auch gespiegelt haben. “Die größten Veränderungen werden Küche und Bad erleben”, glaubt auch Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx, der in seinem Buch “Wie wir leben werden. Unsere Zukunft beginnt jetzt” einen Blick ins Morgen wirft. “Die Küche wird zum Familienzentrum, wo gekocht, geschwätzt und sozialisiert wird - man kann da auch Fernsehen gucken und Freunde empfangen. Das Bad wird von einer Hygienezelle zur Wellness-Oase, und es verschmilzt weitgehend mit dem Schlafzimmer.”
Konservative Revolutionäre
Doch das Neue wird in gewohnten Kostümen daherkommen. “Technologisch sind wir Revolutionäre, kulturell eher konservativ”, so Peter Wippermann. Der anhaltende Retro-Trend mache uns glauben, dass sich die Welt gar nicht so stark verändere. Selbst Futuristisches wirkt vertraut aus den Raumschiffen “Enterprise” und “Orion”. Die Chips werden in Möbel und Gebrauchsgegenstände eingebettet, mit den Rechnerkästen verschwindet auch das Bewusstsein für die Technik. “Verschleißteile vom Staubsauger oder anderen Alltagsgeräten spuckt der 3-D-Drucker ganz selbstverständlich aus. Die Daten kommen per Internet. Einkauf als Lebenskultur wird trotzdem Bestand haben”, sieht Wippermann in die Zukunft.
Parallelwelten
Die Grenzen zwischen Realität und Online-Leben verschwimmen bereits heute. Mehr als fünf Millionen Menschen “leben” allein in der Parallelwelt des Internet-Spiels “World of Warcraft”. Fast 900 Millionen Dollar im Jahr verdienen Gamer mit dem Verkauf virtueller Objekte und Spielfiguren, schätzt Wirtschaftswissenschaftler Edward Castronova. Und Computerspiele sind längst keine Domäne pubertierender Jugendlicher mehr. “Bereits 31 Prozent der Europäer spielen”, so Mark Brailey, Director Marketing EMEA bei Intel. Und 80 Prozent der US-Manager unter 35 Jahren sammelten schon Erfahrung mit Video-Games, fanden die Wissenschaftler und Autoren John C. Beck und Mitchell Wade heraus. Games vermitteln Teamfähigkeit, Stressresistenz, Führungsstärke und strategisches Denken sowie Konzentrationsfähigkeit, heißt es in ihrem Buch “Got Game: How the Gamer Generation Is Reshaping Business Forever”.
Neue Technologien werden auch in Zukunft die Art der Zusammenarbeit als auch die Märkte durcheinander wirbeln. Sie führen zu Eruptionen in an den Finanzbörsen. “Doch die Entwicklung der Technologien lässt sich davon nicht bremsen”, sagt Peter Wippermann. “Sie schreitet unbeeindruckt voran.”


[…] Späthe und meine langjährige Geschäftspartnerin Cathrin Günzel bereits vor zwei Jahren einen Beitrag für das Hewlett-Packard-Magazin “blue line” […]