Mobilmachung der Unterhaltung
Cathrin schrieb am Donnerstag, 26. Oktober 2006, 21:21
Surround-Sound in der Metro, mobiles Fernsehen auf dem Handy-Display und “Follow Me TV” zu Hause. Industrie und Forschung planen die digitale Zukunft für jede Lebenslage, wollen den Verbraucher immer und überall informieren und unterhalten. Artikel von Cathrin Günzel und Sebastian Späthe, in gekürzter und leicht geänderter Form erschienen im Executive Magazin “impact” von Fujitsu Siemens Computers, 03/2006.
Keine Zeit, kein Plan. Ankunft in Berlin 17:05 Uhr im zweiten Untergeschoss. S-Bahn startet 17:09 Uhr vom Hochbahnsteig. Ein Klick, das Handy geht online, startet den virtuellen Bahnhofsrundgang in 3D. Der Drei-Minuten-Film zeigt den kürzesten Weg vom Bahnsteig, über Rolltreppe links und Lift rechts - immer aus der Perspektive des Reisenden. Ermittelte Zeit 3 Minuten 31 Sekunden. Entspanntes Lächeln - 29 Sekunden Freizeit, und eine reichliche halbe Stunde noch bis Berlin. Klick auf den Fernsehbutton des Handsets. Sprachbefehl: “30 Minuten TV-News, Comedy und Video-Clips, ähnlich wie vorgestern.” Sekunden später sendet der TV-Provider das gewünschte Menü, bezahlt wird per Handyrechnung. Aus dem Kopfhörer tönt Surroundsound aus fünf Kanälen.
Europäische Wissenschaftler und Unternehmen wie Nokia, O2 oder Vodafone verwirklichen solche Visionen als Vorreiter. Grundlegende Technologien für mobilen Musikgenuss und das Fernsehen unterwegs kommen unter anderem aus Deutschland. Schon bald zaubert Surround-Sound Raumklang in jedes Auto und in über 20 Pilotversuchen von Europa bis Indonesien schicken Mobilfunkanbieter TV auf Handybildschirme.
“Der Begriff Mobil-TV trifft nicht ganz den Kern der Sache. Es ist vielmehr personalisiertes Fernsehen”, betont Mike Short, Vice President für Forschung und Entwicklung beim britischen Mobilfunker O2. Bis 2010 sollen von den 279 Millionen weltweit verkauften digitalen Fernsehgeräten ein Drittel mobile Handy-TV-Geräte sein, prophezeien die Bostoner Marktforscher von Strategy Analytics. Nachrichten und Sport auf dem Mini-TV unterhalten beim Mittagessen genauso wie auf dem Weg zur Arbeit oder im Stau. Täglich Sehdauer bei europäischen Pilotversuchen: Zwischen 5 und 40 Minuten. Dass die Europäer auf das Handy-Fernsehen “warten” zeigte auch der erfolgreiche Start des Handy-Programms von 3 Italia im Sommer. Der italienische Netzbetreiber gewann in nur sechs Wochen mehr als 111.000 Abonnenten, bei Preisen zwischen 3 Euro pro Tag und 99 Euro für ein halbes Jahr.
“Mobil-TV ist ein eigenes Medium, das eigene Formate braucht”, weiß William Linders, Excecutive Director Digital Media beim niederländischen Fernsehproduzenten Endemol. Totalen und schnelle Schwenks sind für die kleinen Displays ungeeignet, dafür wollen die mobilen Zuschauer sich ihre Sendungen selbst zusammenstellen, bevorzugen Nachrichten und Sport. So verkaufte der schweizer Sportrechtevermarkter Infront Sports & Media bereits in diesem Jahr die Rechte zur Übertragung der Fußball WM auf das Handy an 50 Lizenznehmer weltweit. Vor vier Jahren waren es lediglich zwei.
“Ich bin sicher, mobiles TV wird ein großes Geschäft”, prognostiziert William Linders. “Doch in den nächsten zwei Jahren ist es erst einmal wichtig, Marken im Handy-TV-Markt zu etablieren.” Denn zurzeit verwirrt technisches Kauderwelsch. Wenig einprägsam präsentieren sich die Hauptkonkurrenten unter den technischen Kürzeln DVB-H und DMB.
Während Digital Video Broadcasting für Handheld (DVB-H) weltweit erprobt wird, gibt es Digital Multimedia Broadcasting (DMB) in weniger als einer Hand voll Ländern. Auch über UMTS wird Handy-Fernsehen gegenwärtig noch ausgestrahlt - eine Interimslösung, denn jede Sendung muss an jeden einzelnen Nutzer individuell übertragen werden. Die Kosten sind hoch, die Bandbreiten schnell erschöpft. Bei DVB-H und DMB dagegen teilen sich viele Nutzer ein Übertragungssignal. Nachteil DMB, das in Südkorea bereits seit über einem Jahr im kommerziellen Betrieb läuft: Es passen fünf Mal weniger Kanäle in das Sendesignal.
Der Erfinder des digitalen Fernsehens, der Deutsche Ulrich Reimers, sieht langfristig DVB-H als Gewinner. “Die DVB-H-Technik wird im Zuge des natürlichen Apparatewechsels in die Mobilgeräte wandern. Alle Hersteller werden solche Handys anbieten”, glaubt der Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik der Technischen Universität Braunschweig, den die International Electrotechnical Commission als einen der wichtigsten Denker aller Zeiten ehrte.
Doch die Revolution der Unterhaltungsbranche findet nicht nur auf Fernsehbildschirmen statt. Sie verändert auch die mobilen Hörgewohnheiten. Audi, JVC, Bose und Panasonic arbeiten am perfekten Raumklang hinterm Lenkrad. Durch DAB Surround fühlt sich der Manager in seinem Dienstwagen wie im Konzertsaal. Statt Stress im Stau erlebt der Geschäftsreisende das Gewandhausorchester live und dreidimensional. Für bestes Surround-Empfinden im Auto könnten die unter Leitung des MP3-Erfinders Karlheinz Brandenburg entwickelten Lautsprecher Iosono sorgen. “Die drahtlose Übertragungstechnik ermöglicht eine extrem realistische, räumliche Audiowiedergabe in beliebigen Räumen”, sagt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologien. “Ein Qualitätssprung wie damals von Mono zu Stereo. Wir sind mitten in einer technischen Revolution”, so Brandenburg. Selbst Jogger im Wald tauchen künftig in dreidimensionale Sphären - und das mit normalen Stereokopfhörern: Spezielle Software wie Ensonido lässt Klänge nicht nur von rechts und links, sondern auch vorn und hinten ertönen.
Aber zu viele Geräte erschweren das mobile Leben. “Eines für alles” lautet deshalb die Devise zahlreicher Hersteller. Sogar die Victorinox AG aus der Schweiz baut in ihr “Offiziersmesser” neben Schere und Nagelfeile inzwischen einen MP3-Player ein. Doch vor allem Handys werden aufgerüstet. “Multifunktionale Geräte sind vor allem für “Light-User” geeignet, die nur ab und an Musik hören, Filme sehen oder spielen wollen”, meint John Barrett, Forschungsdirektor beim US-Marktforscher Parks Associates. Das Handy wird zwar nicht zur Schaltzentrale des digitalen Lebens, aber mit allen anderen Geräten vernetzt: “Es ist ein hervorragendes Instrument um Fotos, Songs und Videos aus der Ferne abzurufen.”
Wer künftig unterwegs einen Film auf seinem Handy startet, lässt das Bild zu Hause einfach nahtlos auf den großen HDTV-Flachbildschirm springen - und schaut bequem vom Sofa aus weiter. Wissenschaft und Unternehmen wie Fujitsu Siemens arbeiten an einheitlichen Übertragungsstandards, die das möglich machen. Eines der Schlagworte heißt “Follow me TV” und ist Teil des digitalen mobilen Heimes. Egal, wo sich ein Zuschauer im Haus befindet, er kann seinen Fernsehkonsum jederzeit unterbrechen und nahtlos auf anderen Geräten in einem anderen Raum fortsetzen. Denn das ACTIVY Media Center zeichnet die Sendungen auf, alle im Heimnetzwerk verbundenen Geräte können sie abspielen. Auch Fotos oder Internetvideos lassen sich in Garten, Wohn- und Schlafzimmer übertragen. Selbst der “Vater” des DVB-H Professor Reimers ist sicher, dass die kleinen Bildschirme ihre großen “Geschwister” nicht verdängen: “Für das mobile TV seinen großen Bildschirm aus dem Fenster zu werfen ist Quatsch!”
Die neuen Audio- und Mobil-TV-Formate
AAC/HE-AAC
Weiterentwicklung von MP3. Advanced Audio Coding bietet bessere Tonqualität bei höherer Kompression, zum Beispiel beim japanischen Digitalfernsehen. High Efficiency AAC verdichtet noch stärker, beschleunigt Musikdownloads über UMTS.
IP-Datacast
Internetsystem, das den Fernsehstandard DVB-H mit klassischen Mobilfunkkanälen verbindet. Ermöglicht so über Rückkanal interaktive Zusatzdienste wie Live-Wetten.
MBMS
Multimedia Broadcast Multicast Service, Erweiterung von UMTS. Ermöglicht die Versorgung von mehreren Empfängern mit einem Rundfunksignal. Bislang kann UMTS mit einem Signal nur einen Empfänger erreichen.
MP3 Surround
Die Erweiterung des MP3-Standards ermöglicht räumliches Hörempfinden auch für mobile Anwendungen. Der komprimierte Surround-Klang benötigt nur 10 Prozent mehr Speicherplatz als Stereo-MP3.
MP3 SX
MP3 Stereo eXtended wandelt herkömmliche Stereo-MP3-Dateien in MP3-Surround-Dateien, erzeugt nachträglich ein räumliches Klangerlebnis.
Unlimited Mobile TV
Basiert auf dem DVB-H-Standard, empfängt aber auch digitale Satelliten-Signale. Vorteil des Hybriden: Unbegrenzte Flächenabdeckung auch außerhalb von Ballungsräumen.

