Sinnvoll ist, was das Gerümpel reduziert
Cathrin schrieb am Dienstag, 26. September 2006, 22:29
Interview mit dem Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx über das Leben in der Zukunft - geführt von Cathrin Günzel und Sebastian Späthe Mitte September 2006.
Sie denken in 100-Jahres-Zeiträumen. Uns reicht ein Ausblick in die nächsten 20 Jahre. Wie werden wir dann leben? Haben wir Riesenbildschirme in jedem Raum der Wohnung, sich selbst regelnde Sofas und ferngesteuerte Heizungen? Und wird die Technik sichtbar sein?
Das alles wird es geben - aber wird es wirklich spektakulär sein? Und entspricht es in dieser Form wirklich menschlichen Bedürfnissen? Heizungen kann man heute schon fernsteuern, Riesenbildschirme in jedem Raum gehen einem eher auf die Nerven, und selbst regelnde Sofas - nun ja, wer garantiert wir, dass ein solches Ding mich nicht verschluckt. Ich denke, dass die Fortschritte in den nächsten zehn Jahren vor allem in der “seamlessness” legen werden, in der eleganten Verbindung verschiedener Elemente, die HEUTE schon erhältlich sind. Dafür brauchen wir schlaue Reduzierungen, zum Beispiel instinktiv erlernbare Benutzeroberflächen, “smarte” Geräte, die nicht zu komplex für den Benutzer sind. Die nächsten Jahrzehnte werden wir noch mehr solche “Easifications” erleben wie den I-Pod, der einerseits eine sehr einfach Bedieneroberfläche hat, andererseits ganze Abläufe wie das Kaufen von Musik revolutioniert, weil er in ein “Seamless”-System eingebettet ist.
Technologierfirmen entwerfen Konzepte von digitalen Häusern. Sie haben selbst ein solches Haus getestet. Welche Features haben Zukunft, welchen werden wir in 20 Jahren noch begegnen und was ist sinnlos?
Sinnvoll ist sicher alles, was die Convenience erhöht, und auch das Gerümpel reduziert, was uns die Räume vollstellt. Im Bad zum Beispiel nicht durch Wasserhähne, sondern durch Handbewegungen das Wasser einlassen ist deshalb toll, weil man dann nicht mehr ständig empfindliche Designer-Armaturen putzen muss. Einen fetten Fernseher brauchen wir nicht, mehr, wenn wir die Wand als Projektionsleinwand benutzen können - das schafft jede Menge Raum. Auch bestimmte Lichtstimmungen zu steuern, finde ich durchaus sinnvoll. Was ich eher für zuviel halte ist die totale Fernsteuerung des Hauses. Lichtschalter sind meiner Meinung nach etwas Sinnvolles, und wenn ich nicht mehr weiß, wie ich auf meiner Fernbedienung den Schalter für die Alarmanlage-AUS-Stellung bekommen - dann wir es übertechnisch und schwierig. Ebenso sollte, wenn der Strom ausfällt, sich die Tür noch von Hand aufmachen lassen. Häuser sind ja eher Höhlen, in denen man sich wohlfühlen will, da geht es nicht so sehr um totale Kontrolle, wie etwa bei einem Auto.
Wie werden sich die Konzepte vom Wohnen und Arbeiten durch den “Digital Lifestyle” verändern? Werden die Räume keine abgegrenzten Funktionen mehr haben - wird es zum Beispiel noch Arbeitszimmer geben oder arbeiten wir dort, wo wir uns gerade befinden? Und wird es noch Büros in ähnlichem Umfang wie heute geben oder werden wir alle “Arbeitsnomaden” sein - welche Auswirkungen hat das auf Architektur, Möbel und Design?
Das erinnert mich an die Visionen vom “papierlosen Büro” - erinnern Sie sich? Arbeit ist etwas anderes als Baden oder Lesen oder Küssen. Wir haben beim Arbeiten eine andere Körper- und Geisteshaltung. Unser Hirn benutzt andere Areale, unsere Augen sind anders fokussiert, Schauen Sie sich an, wie Menschen einen Bildschirm benutzen, wenn sie zum Beispiel im Internet nach Informationen suchen, und wenn sie entspannt vor dem Fernseher sitzen und “Tatort” gucken! Deshalb wird es im Haus immer “Sphären” geben, in denen UNTERSCHIEDLICHE Dinge stattfinden. Die größten Veränderungen erleben die Küche und das Bad. Die Küche wird vom Arbeitsplatz der Frau zum Familienzentrum, wo gekocht, geschwätzt, sozialisiert wird - man kann da auch Fernsehen gucken und Freunde empfangen. Das Bad wird von einer Hygienezelle zur Wellness-Oase, und es verschmilzt weitgehend mit dem Schlafzimmer. Alles wird in der Tat etwas reduzierter, einfacher. Aber wir neigen als Menschen nun einmal dazu Gerümpel anzusammeln, da müssen wir noch viel lernen, bis alle unsere Räume puristisch werden.
Wie digital sind Ihr Leben, Ihr Büro, Ihre Wohnung?
Sehr. Ich bin sehr viel auf der anderen Seite des Bildschirms unterwegs, in den unendlichen Weiten des Cyberspace. Ich nutze modernste Computertechnik. Und dann lege ich das Ganze gerne beiseite, züchte Tomaten und Rosen und gehe ohne Handy Pilze sammeln!
Vor einigen Jahren wurde prognostiziert, dass wir unsere Gebrauchsgegenstände künftig nicht mehr physisch erwerben, sondern die Daten (wie einen Bauplan) per Internet geschickt bekommen und anschließen als 3-D-Objekt an speziellen “Drucker” aus speziellen Werkstoffen zu Hause “ausdrucken”. Was meinen Sie zu solchen Visionen?
Das gehört in die lange Ehrenreihe der Utopien, die immer zehn Jahre in der Zukunft GARANTIERT realisiert werden und einen Superdurchbruch erleben. Wie Künstliche Intelligenz, das fahrerlose Auto, und der intelligente Kühlschrank. Mich erinnert das irgendwie an die Zeiten alternativer Wohngemeinschaften, als man unbedingt alles selbst im Garten anbauen wollte; einschließlich Kartoffeln und Schafzucht. Gegenfrage: Sind nicht manche Gegenstände so komplex, dass sie besser von Spezialisten gebaut werden sollten? Ist es nicht eine wunderbare Arbeitsteilung, dass viele Menschen verschiedenes anbieten und produzieren? Ich glaube, das wird, wie das Videophon oder der Duftcomputer, eher eine Anwendungsnische bleiben…
Siehe auch: Artikel “Die kollektive Intelligenz lebt im ‘Coffice’”

