Freie Inhalte: Die heimliche Revolution
Cathrin schrieb am Mittwoch, 20. September 2006, 12:05
If you’re new here, you may want to subscribe to my RSS feed. Thanks for visiting!
Filmemacher, Musiker, Kreative experimentieren mit Gratis-Verbreitung, ohne Kopierschutz. In Berlin trifft sich die Creative-Commons-Bewegung.
Der Artikel über Creative Commons von Cathrin Günzel – unter anderem über Vorreiter der Freie-Film-Szene wie die Lokalhelden von VEB Film Leipzig – erschien zur IFA 2006 am 19. September 2006 in FOCUS Online.
Zum Thema siehe auch: Artikel “Gratisfilme zum Saugen” von Cathrin Günzel, erschienen in PC Magazin 9/2006.
“Auf nach Hollywood!” Drei naive Sachsen im klapprigen Straßenkreuzer und ohne Barschaft auf Abenteuerfahrt von der Ost- an die Westküste. Der Streifen “Route 66 – ein amerikanischer (Alb-) Traum” der sächsischen Filmemacher von VEB Film Leipzig erzählt eine klassische Road-Movie-Story. Doch der Vertrieb des 104-Minuten-Spielfilms wirft traditionelle Strukturen über den Haufen. Die Leipziger Crew stellten “Route 66″ Ende 2004 als ersten deutschen “Open Source”-Spielfilm zum kostenlosen Download für Computer und iPod ins Internet. Rund 550.000 Mal wurde “Route 66″ heruntergeladen, und als 715-Megabyte-Datenpaket in Tauschbörsen verbreitet.
Bei Software sind “Open Source” und freie Projekte wie Linux schon lange ein Begriff. Die freie Software ist Vorreiter einer Bewegung, die inzwischen auch Inhalteproduzenten, Kreative und Künstler erreicht hat. Das bekannteste Beispiel für freies Wissen ist die vor fünf Jahren entstandene Online-Enzyklopädie Wikipedia, eines der 20 populärsten Internetangebote der Welt. Und während die Musikindustrie und die Bosse der großen Filmstudios mit verbraucherfeindlichen Kopierschutzmechanismen und Anwaltsschreiben aggressiv gegen die Verbreitung ihrer Hits und Blockbuster in Tauschbörsen kämpfen, entdecken kreative Musiker und Filmemacher das Netz als Möglichkeit, ihr Publikum zu erreichen. Unter dem Motto “freie Inhalte für freie Bürger”, nicht mehr angewiesen auf Filmverleiher oder Fernsehsender. “Wir sind allesamt mit dem Netz aufgewachsen und erreichen dort genau die Leute, die so denken, wie wir”, glaubt VEB-Film-Gründer Stefan Kluge, “diesmal ist es das Internet, dass unabhängigen Filmemachern die Chance gibt, ihre Filme einem Publikum zugänglich zu machen, das sonst etablierten Studios vorbehalten war.”
Freie Inhalte für freie Bürger
Über freies Wissen, freie Software, freie Musik, freie Filme und Vertriebswege abseits etablierter Pfade diskutieren über 100 Wissenschaftler, Techniker, Künstler und Aktivisten auf der internationalen Konferenz “Wizards of OS 4″ vom 14. bis 16. September in Berlin. Mit dabei: Jura-Professor Lawrence Lessig, der vor vier Jahren mit “Erfindung” der Creative-Commons-Lizenzen (CC) eine Grundlage für den Boom freier Inhalte schuf. Das US-Kult-Magazin “Wired” adelte den Verfassungsrechtler aus Stanford dafür mit dem Titel “Elvis des Cyberspace.”
Die CC-Lizenzen ermöglichen es Künstlern und Kreativen, selbst genau festzulegen, wie andere ihre Werke nutzen dürfen. Musiker können so auf einfache Art erlauben, ihre Stücke zu remixen – und daraus Neues zu entwickeln. Damit verzichten die Autoren und Urheber freiwillig auf einige ihrer Rechte – wie weit sie dabei gehen, bleibt ihnen überlassen. Sie entscheiden zum Beispiel, ob sie die kommerzielle Nutzung ihres Werkes oder das Bearbeiten, Modifizieren, Remixen durch Dritte erlauben oder ausschließen möchten. Und sie können bei Verstößen gegen die individuell festgelegten Lizenzbedingungen klagen. Generell ermöglicht Creative Commons die freie Verfügbarkeit der Inhalte – zumindest für persönliche Nutzung. Die CC-Lizenzen erlauben auch Vervielfältigen und Verbreiten der Werke, aber die Urheber müssen genannt werden. Inzwischen finden sich schon mehr als zehn Millionen CC-lizenzierte Werke im Internet und Yahoo hat eine Suchmaschine für Creative-Commons-Inhalte in Beta-Version gestartet. Auch politische Filmemacher setzen auf freie Inhalte, um Gehör zu finden. Die Dokumentation “Chocolate city – we are here to stay” über New Orleans ein halbes Jahr nach dem Hurrikan steht zum freien Download unter Creative Commons Lizenz im Netz. Wer wirklich seine Meinung frei äußern will, darf nicht von kommerziellen Interessen geleitet sein”, meint Filmer Ralph Schmerberg.
No Budget, high Quality
“Alle Filme, Bücher und Songs, die wir produzieren, stehen unter einer Creative Commons Lizenz, sind frei kopierbar, dürfen verändert und zum Teil sogar kommerziell genutzt werden”, betont VEB-Filmemacher Stefan Kluge. Finanziert werden die Projekte durch private Spenden von Filmfans, Sponsoren wie “Maxtor” oder “Hallo Pizza” sowie Verkauf der DVD “Route 66″. Über den Endpreis für die Scheibe entscheidet jeder Käufer selbst. Immerhin wurde die DVD rund 600.000 Mal geordert. “Die Route 66-Einnahmen haben es möglich gemacht, unseren neuen Film zu produzieren! Das zwar nur unter extremen Arbeitsbedingungen, weil Geld natürlich knapp war”, berichtet Stefan Kluge, “Aber das Ziel, mehrere Millionen Menschen 100 Minuten lang gut zu unterhalten, kann einigen Antrieb erzeugen! Wir sind bereit sehr viel zu geben, weil wir davon überzeugt sind, dass die Zeit für Free Culture auf diesem Niveau im Internet gekommen ist.”
Und obwohl der “Geldzähler” auf den VEB-Webseiten noch rund 8000 Euro Miese zeigt – bei immerhin 17.794,70 Euro auf der Haben-Seite – arbeiten die Leipziger unter Hochdruck an ihrem nächsten abendfüllenden Creative-Commons-Streifen: “Die letzte Droge” über Jungs “auf der Suche nach der ultimativen Droge im peruanischen Dschungel”, sogar im hoch auflösenden HD-Format gedreht. Denn im November soll er Premiere feiern – ebenfalls als Gratisdownload.
“No Budget but high Quality” lautete auch das Motto der jungen Schweizer Filmemacher Michael Grob, Markus Leutwyler und Simon Brugger, die ihre 90-Minuten-Actionkomödie “CH7″ vor über zwei Jahren den weltweit ersten Spielfilm unter Creative Commons Lizenz ins Internet stellten. Der 3D-Animationsfilm “The Elephants Dream” über Emo und Proog in einer surrealen Welt wurde sogar mit freier Software produziert. Der unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichte Kurzfilm wurde mehr als eine halbe Million Mal herunter geladen und ist in Berlin auf der Konferenz “Wizards of OS 4″ zu sehen. “Elephants Dream” schaffte sogar eine besondere technologische Premiere: Der Film erschien als erste europäische HD-DVD.
“Kunst gehört nicht in Archive, sondern auf den Tisch. Und wenn jemand unsere Songs oder Filme remixt oder weitergibt, dann verstehen wir das als Kompliment und nicht als kriminellen Akt”, postuliert Stefan Kluge von VEB Film Leipzig, “Freie Inhalte haben eine Zukunft, davon gehe ich aus. Netlabels, Podcaster, Video-Blogger – viele, die im Netz heute auf hohem kreativen Niveau tätig sind, veröffentlichen unter einer Creative-Commons-Lizenz.” Die Musiker des Leipziger Netlabels Disrupt stellen ihre Stücke ebenfalls frei ins Netz. Wie tausende andere Musiker, die ihre Songs ohne Plattenvertrag bei einem großen Label bekannt machen möchten. Auch Stars schlagen sich auf die Seite der Creative-Commons-Fraktion. So erlauben beispielsweise die “Beastie Boys” anderen Musikern Remixe ihrer Stücke.
Musik tauschen
Ein anderes Konzept verfolgt die Musikbörse “Potato”, bei der die Käufer an der Musik mitverdienen. Das Konzept wurde vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT und der 4FO AG aus Ilmenau gemeinsam entwickelt. Wer über das Netzwerk “Potato” Musik erwirbt, darf die Titel weiterverkaufen und am Gewinn mitverdienen. “Ganz legal, ohne Kopierschutz, im gängigen MP3-Format”, betont 4FO-Vorstand Jürgen Nützel. “Potato beendet das dumpfe Hase-Igel-Wettrennen zwischen Kopierschutzentwicklern und Hackern. Aus Feinden werden wieder Kunden.”

