Überall spielen
Cathrin schrieb am Donnerstag, 24. August 2006, 15:01
Mobile Games erobern die Handys - vor allem Frauen und ältere Semester sind von den Daddeleien auf dem kleinen Bildschirm begeistert. Artikel von Cathrin Günzel, erschienen unter dem Titel “Punktesammeln für die Konsole” am 23. August 2006 bei FOCUS Online - im Rahmen der Berichterstattung über die Leipziger GC - Games Convention.
Klick, klick, klick. Inge Gerhard drückt auf die Tasten ihres Mobiltelefons, bewegt den Cursor - und auf dem Handydisplay schieben sich bunte Karten übereinander. Eigentlich hat die Dresdnerin mit elektronischen Spielen nichts im Sinn. Doch seit Sohn Sebastian der 55-jährigen den Klassiker “Solitär” in den Handyspeicher lud, legt sie das Gerät nur noch ungern beiseite: “Wenn ich im Zug oder im Bus unterwegs bin, mach ich gern ein Spielchen”, erzählt die technische Zeichnerin, “Ich hab auch schon alle Kollegen angesteckt, manche spielen in der Mittagspause Poker oder Mah Jong.”
Hoffnung 50+
Für die Spieleindustrie sind Frauen wie die sächsische Mittfünfzigerin die Zukunft: Sie erhofft sich einen Milliardenmarkt für die schnellen Games zwischendurch, und die Zielgruppe für die kleinen Spiele ist weiblich - und älter. “Das nächste große Ding” im Spielemarkt passiert auf dem Handy, erwarten Publisher und Mobilfunkprovider gleichermaßen.
Zukunft Mobilspiel
Die Mobilspiele sind der am schnellsten wachsende Sektor im Videospiel-Markt, von 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2005 soll das Geschäft mit den Handygames bis 2009 auf 6 Milliarden wachsen. Rund zehn Prozent der Handybesitzer spielen, Marktbeobachter rechnen mit einer Zunahme auf 20 bis 25 Prozent. Und - im Gegensatz zu den Konsolen- und PC-Fans - sind die Hälfte der Mobilspieler Frauen. Die Computerspieleindustrie setzt auf weibliche Verstärkung der Spielergemeinde - um endlich vom Image der Picklige-Jungens-Branche wegzukommen.
Jede Fernsehshow oder Serie von MTVs “Pimp My Ride” bis “O.C. California” hat inzwischen für 3 bis 5 Euro ihr eigenes Handygame, Blockbuster wie “King Kong” schicken ihre Helden auch als Spielfiguren auf die mobilen Telefone. Selbst zu Paris Hiltons Jet-Set-Leben gibt es ein Rätselspiel. Schon jetzt rasen Boliden in 3D und mit 320 x 240 Auflösung über die Displays, lässt sich die Fußballweltmeisterschaft nachspielen oder Weltraumschlachten gegen Aliens schlagen. Multiplayer-Spiele erlauben Wettrennen gegeneinander oder auch gemeinsames Kartenspiel.
Kräftig wie die Playstation 1
“Die Mobiltelefone sind heute schon so kräftig wie die Playstation-1-Konsole. Knapp zehn Prozent der Mobilgames sind bereits 3D-Spiele“, berichtet Michael Schade, 37, Geschäftsführer von Fishlabs, einer Entwicklerfirma von 3D-Games aus Hamburg. “Die Displays sind zwar klein, aber scharf und die Mobilgames haben eine Auflösung wie die ersten PC-Spiele. Und sie müssen nicht erst hochgefahren werden. Sofort und jederzeit für einige Minuten spielen können, das ist ein unschlagbarer Vorteil.” Deshalb spielen 60 Prozent der Handygamer sogar zu Hause auf den Mobiltelefonen. “Die Handyspiele sind nicht so komplex wie PC- oder Konsolengames, man kommt schnell rein, muss nicht stundenlang davorsitzen”, meint Schade.
Tetris, Pacman, Bejeweled
Die beliebtesten Mobilspiele sind jedoch nach wie vor die Adaptionen der Klassiker aus den 80-er Jahren, fanden die Marktforscher von M:Metrics bei einer Umfrage in Deutschland, Großbritannien und den USA heraus. “Tetris” von Publisher EA Mobile führt die Hitliste an, gefolgt von “Bejeweled” (EA Mobile), “Platinum Solitaire” (Gameloft), “World Poker Tour - Texas Hold’Em” (Hands on Mobile) und dem legendären Fressmonsterchen Pac-Man (Namco). “Als erstes greifen die Leute zu den bekannten Marken, weil sie dort wissen, was sie erwartet. Denn 90 Prozent der Mobilspiele werden über WAP-Portale heruntergeladen, und da ist eine gute Vorschau auf den Spielinhalt schlecht möglich”, erklärt Schade den Zeitsprung. “Auch Spiellizenzen von Filmen wie Mission Impossible 3 oder Serien wie Desperate Housewives können auf diesen Vertrauensvorschuss zählen. Leider wird bei vielen dieser Spiele zur Soap an der Produktionszeit gespart.” Dabei reichen die Entwicklungskosten ab 50.000 Euro für ein 2D- und ab 100.000 Euro für ein 3D-Spiel lange nicht an die Millionenproduktionskosten modernen PC- und Konsolentitel heran.
Zersplitterter Markt
Problematisch für die Entwickler ist allerdings die Zersplitterung des Mobiltelefonmarktes: “Wir haben viele unterschiedliche Mobiltelefontypen, mit verschiedener Leistung, verschiedenen Bildschirmgrößen und so weiter. Und die Entwickler müssen verschiedene Versionen eines Spiels für die verschiedenen Modelle entwickeln. Wir müssen viele verschiedene Plattformen unterstützen”, berichtet Hirotaka Suzuki, Chief Technical Officer (CTO) der japanischen HI Corporation. Doch die Gerätevielfalt am Mobilmarkt wird noch zunehmen: “Die Geräte beginnen sich anzunähern. Die mobilen Konsolen haben zunehmend WLAN-Elemente, so dass man nicht nur im Netzwerk spielen kann, sondern auch mit der Konsole telefonieren”, erwartet Florian Dickgreber, Experte für Telekommunikation und Konsumgüterelektronik bei der Managementberatung A.T. Kearney. “Außerdem wandern die Spiele von Konsole und PC als Minivariante auf die Mobiltelefone. Auf dem Mobiltelefon wird die Story fortgesetzt, zum Beispiel mit einem neuen Spielelement täglich. Das ist ein interessanter zusätzlicher Verbreitungskanal für die Firmen und wird den Markt anheizen”, glaubt Dickgreber. “Auf dem Handy spielt aber auch künftig vor allem der Wenigspieler, der sich nicht lange in ein Spiel hineindenken will. Ambitionierte Spieler wählen eher mobile Konsolen.” So könnten Sozial- und Kommunikationsspiele wie die “Sims” oder Tierspiele wie Nintendos Hundeliebhaber-Game “Nintendogs” auch auf die Handys wandern - und vor allem die Herzen der Frauen erobern.
Vernetzung der Welten
Auch Michael Schade vom Spielentwickler Fishlabs erwartet eine Vernetzung der Spielwelten: “Games, die man an Handy und Konsole spielen kann. Man kann seinen Spielcharakter zum Beispiel unterwegs auf dem Handy trainieren, und die neu erworbenen Levels oder Fähigkeiten dann auf die Konsole übertragen. Oder man spielt ein Rennspiel am Handy und bekommt nach erfolgreicher Punktejagd ein neues Auto auf der Konsole frei geschaltet. Daran entwickeln wir gerade, das stellen wir auf der Games Convention 2007 vor”, so Schade. “Das ist die Herausforderung der Handys: Nicht die Spielprinzipien der Konsolen kopieren, sondern etwas Einzigartiges entwickeln. Vielleicht eine Art ‚Stille Post’ bei der ein Spielelement an den nächsten Spieler gesendet wird, der es verändern kann und dann weiter sendet - und zum Schluss kommt etwas ganz neues zurück. Die User gestalten ihre Spielewelt selber.”
Statt der heute üblichen 3 bis 5 Euro pro Spiel werden sich die Preise allerdings den neuen Möglichkeiten anpassen. Denn “Ein Preis für alle” wird bei zunehmender Vernetzung der Handyspieler nicht mehr funktionieren: Für komplexe Onlineabenteuer erwarten Branchenexperte Michael Schade Monatsgebühren. Zum Beispiel 99 Cent. Einfache Games wie “Solitär” werden dagegen billiger. Florian Dickgreber allerdings glaubt, dass Handyspiele zunehmend über Werbung finanziert werden - gratis für die Konsumenten: “In den USA sieht man diesen Trend bereits deutlich.”

