Nipponkrieg um DVD-Nachfolger
Cathrin schrieb am Mittwoch, 26. Juli 2006, 20:57
HD-DVD und Blu-ray Disc kämpfen um den Thron. Eine Fassung des Artikels von Cathrin Günzel und Sebastian Späthe erschien im Jahr 2006 im CeBit-Magazin, recherchiert im März 2006.
“Es kann nur einen geben!?” Die Schlacht um den Nachfolger der DVD geht in die Entscheidungsrunde. Wie die unsterblichen Schwertkämpfer im Action-Epos “Highlander” streiten die Industriegiganten Sony und Toshiba um den Sieg. In der Kampfarena stehen: Blu-ray für Sony und HD-DVD als Hoffnungsträger der Toshiba-Fraktion. Bleibt am Ende einer kopflos liegen oder ziehen beide Kontrahenten mit Blessuren ihres Weges? Eines ist sicher: Unter den Opfern der Materialschlacht ist der Verbraucher. Der erlebt dabei ein Deja vu. Denn vor 25 Jahren attackierten sich das Video-Format VHS von JVC und die Sony-Entwicklung Betamax. Trotz technischer Vorteile unterlag Sony, und wer auf Betamax gesetzt hatte, konnte seine Hardware auf den Müll werfen. Jetzt duellieren sich mit Blu-ray und HD-DVD technisch ebenbürtige Gegner.
Köpfeschütteln in den Führungsetagen der großen US-Handelsketten. Für Best Buy oder CompUSA sind die Rivalitäten ein beschämender Alptraum. “Die Beta-VHS-Kriege dauerten 10 Jahre. Und jetzt wiederholt die Industrie diesen Fehler. Das ist einfach dumm”, klagt Larry Mondry, CEO von CompUSA. “Der Schaden, den sich die Industrie zufügt, weil sie sich nicht auf ein Format einigen kann, ist enorm”, sekundiert Brad Anderson, CEO von Best Buy.
Trotzdem brachen beide Parteien Friedensverhandlungen ergebnislos ab - und rekrutierten Verbündete. Die meisten großen Heimelektronik- und Computerhersteller sowie die Hollywood-Studios schlugen sich auf eine der beiden Seiten. In der Blu-ray-Phalanx versammelt Sony 170 Krieger von Apple über Metro-Goldwyn-Mayer, Pioneer, Panasonic, Philips und Thomson. Um Anführer Toshiba auf der HD-DVD-Gegenseite scharen sich 230 Firmen, darunter Microsoft, Intel, NEC, Sanyo, Canon und Universal Pictures.
Während die Industrie lange Zeit Sony mit Blu-ray wegen der großen Unterstützung aus Hollywood und von der Elektronik-Industrie als Favoriten sah, konnte HD-DVD einen Überraschungs-Coup landen: Microsoft und Intel verkündeten Waffenbrüderschaft mit Toshiba. Zweiter Punktsieg: Im April standen die ersten HD-DVD-Player in den Regalen, zu Kampfpreisen von 500 bis 800 US-Dollar. Von Blu-ray zu dieser Zeit noch weit und breit keine Spur. Weil die Player fehlten, musste Sony den angekündigten Blu-ray-Start für Blockbuster wie “Das fünfte Element” oder “Sinn und Sinnlichkeit” verschieben. Zur selben Zeit schwirrten Preisankündigungen von 1.000 bis 1.800 US-Dollar für Blu-ray-Abspielgeräte durch die Branche.
Beide Fronten stehen enorm unter Druck: Die zunehmende Verbreitung von Home-Media-Servern mit HDTV-Bildschirmen mischt den Markt auf. Es geht um die Vorherrschaft in den Wohnzimmern. “Durch den Kampf der PC-Unternehmen mit den Herstellern von Heimelektronik stehen Milliarden Dollar auf dem Spiel”, sagt David Mercer von Strategy Analytics. “Die Ablösung der DVD spielt dabei eine bedeutende Rolle für Erfolg oder Scheitern jeder Gruppe”, glaubt der Vice President des internationalen Marktforschungsunternehmens mit Hauptsitz in Boston.
Es geht um viel Geld und einen der heißesten Trends der nächsten Jahre. “Der Wert von verkauftem HD-Zubehör könnte in den folgenden fünf Jahren den Wert von 100 Milliarden US-Dollar erreichen”, so Steve Baker Vice President Industry Analysis des Marktforschers NPD Group aus Port Washington. “Es ist eine riesige Gelegenheit, wahrscheinlich größer als jede, die wir bisher gehabt haben.” Die Consumer Electronics Association, der Branchenzusammenschluss für Unterhaltungselektronik in den USA, prognostiziert für 2006 einen Absatz von 605.000 HD-Abspielgeräten. Bis 2009 sollen es schon 4,1 Millionen sein.
Aber vielleicht wird die Entscheidungsschlacht im Krieg der Welten nicht im Wohn-, sondern im “Kinderzimmer” ausgetragen. Sony kündigte an, sein Blu-ray-Format noch in diesem Jahr in seine Spielkonsole PlayStation 3 zu integrieren. “Millionen Menschen werden die Konsole haben wollen”, erklärt Steve Koenig, Senior Manager Industry Analysis des Branchenverbandes Consumer Electronics Association. “Die PS3 ist die größte Waffe im Blu-ray-Lager.” Doch Microsoft will Sony dieses Feld nicht kampflos überlassen, kündigte ein externes HD-DVD-Laufwerk für die Xbox 360 an.
Der Ausgang der Schlacht ist ungewiss. Analyst Ted Schadler von Marktforscher Forrester sieht Blu-ray vorn: In etwa zwei Jahren werde das Konsortium um Sony einen teuer erkauften Sieg davontragen. Für die meisten Industrievertreter zeigt sich die Lage jedoch unentschieden. “Wie es heute aussieht, werden sich beide Technologien behaupten. HD-DVD stärker im PC-Umfeld und Blu-Ray mehr bei Miet-DVDs”, glaubt Peter Eßer, Executive Vice President von Fujitsu Siemens Computers. “Vor diesem Hintergrund wird es auch weiterhin hybride Player und Recorder geben.” Ähnlich sieht das David Mercer von Strategy Analytics: “Wir glauben, HD-DVD wird sich als Standard im PC-Markt etablieren. Blu-ray dagegen wird mit Hilfe der PlayStation3 im Audio- und Video-Markt, bei Playern und Recordern dominieren.”
Während die offizielle Kriegspropaganda Entschlossenheit suggeriert, weichen im Hinterland die Fronten auf. So möchten sich einige Studios nicht festlegen und in beiden Formaten produzieren - wie Warner Bros. und Paramount Home Entertainment. Sogar Microsoft schließt nicht völlig aus, die eigene Software eventuell Blu-ray-kompatibel zu machen, wenn der Markt es will.
Der Verbraucher ist von den vielen Ankündigungen verwirrt. Ständig hört er von neuen Terminen, Preisen, neuen Laufwerken für PCs, Notebooks oder Konsolen. Händler fürchten nun, dass die Verbraucher mit der Entscheidung Blu-ray oder HD-DVD überfordert sind. Sie könnten vorerst ganz auf den Kauf verzichten und das schleichende Ende der physischen Datenträger einläuten. Die lachenden Dritten sind dann möglicherweise die Anbieter von Video-on-demand und IPTV. Die meisten Marktbeobachter sind sich einig: Wenn die Kriegsherren nicht an den Verhandlungstisch zurück finden, werden die Verbraucher mit ihren Geldbörsen abstimmen.
Blaulicht
Die neuen HD-Formate für Filme überfordern die Speicherkapazität der herkömmlichen DVD. Die beiden Nachfolger Blu-ray und HD-DVD setzen auf den neuen “Blauen” Laser. Die Vor- und Nachteile der technisch ebenbürtigen Formate:
Blu-ray/Sony
Deutlich höhere Herstellungskosten im Vergleich zur HD-DVD, weil neue Produktionsanlagen gebaut werden müssen.
höhere Speicherkapazität, 25 GB pro Layer
späterer Markteintritt
größere Unterstützung durch Filmstudios und Elektronikproduzenten
Playerkosten voraussichtlich ab 1.000 US-Dollar
HD-DVD/Toshiba
Geringe Herstellungskosten (ab 25 US-Cent pro Stück), weil die Produktionsanlagen für DVDs schnell umgestellt werden können.
geringere Speicherkapazität, 15 GB pro Layer
früher Markteintritt
Unterstützung durch Microsoft und Intel
Playerkosten ab 500 US-Dollar

