E-Learning: Von den Unis in die Wirtschaft
Cathrin schrieb am Dienstag, 17. Januar 2006, 12:15
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Wie Unis ihre E-Learning-Plattformen erfolgreich vermarkten können, diskutieren internationale Bildungsexperten Ende Januar am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Artikel von Cathrin Günzel, erschienen am 16. November 2006 bei Focus Online.
Mehr Leistung, weniger Geld – der Sparzwang geht auch an den deutschen Universitäten und Hochschulen nicht vorbei. Um trotzdem konkurrenzfähig zu bleiben, konzentrieren sich die Bildungseinrichtungen in den nächsten Jahren auf den Ausbau ihrer E-Learning-Plattformen. “Hochschulen ohne Online-Infrastruktur sind nicht mehr wettbewerbsfähig”, glaubt der Präsident der Universität Osnabrück, Claus Rollinger. “Wir stecken mitten im Generationswechsel.” Auch das Bundesforschungsministerium greift den Hochschulen unter die Arme: Bis 2008 fließen 25 Millionen Euro in die Integration von E-Learning-Projekten zwischen Hamburg und Passau. Mit weiteren 15 Millionen Euro soll die Entwicklung von Geschäftsmodellen gefördert werden. Dabei geht es um den Einsatz der in den Universitäten entwickelten E-Learning-Module außerhalb des eigentlichen Hochschulbetriebes.
Wie E-Learning von den Universitäten in die Wirtschaft und den privaten Weiterbildungsmarkt vordringt, diskutieren Experten aus Deutschland, China, Luxemburg und der Schweiz am 26. und 27. Januar auf der Tagung “Grenzenloses elektronisches Lernen für alle – Erfahrungen aus der Hochschulpraxis” des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik (HPI). Damit verbunden ist eine wachsende Kommerzialisierung des deutschen Bildungswesens. “Wissen wird zur hoch begehrten Ware, weil jeder PC-Nutzer auf der Welt per elektronischem Fernstudium aktuelle Lehrgänge verfolgen und nutzen kann”, glaubt HPI-Direktor Christoph Meinel.
Alumnis als künftige Kunden
In den kommenden Jahren wollen die Bildungseinrichtungen stärker in den Weiterbildungsmarkt einsteigen und erhoffen sich zusätzliche Einnahmen. Eine besondere Rollen spielen dabei die Absolventen: Spezielle E-Learning-Offerten und Portale sollen die Alumnis ein Leben lang an ihre Hochschule koppeln. Vorteil: Die Hochschulen knüpfen an vorhandene Kontakte an. Statt mühsam neue Kundenbeziehungen aufzubauen, versenden sie ihre Weiterbildungskurse an die Adressen ehemaliger Studenten. Erfolgreich praktizieren zum Beispiel Universitäten in Großbritannien oder den USA dieses Beziehungsmarketing: “Britische Hochschulen betrachten ihre Studenten als lebenslange Kunden, die sie auch nach Ende der Uni-Zeit mit Online-Weiterbildungsangeboten bei der Stange halten”, berichtet Ulrich Schmid, Geschäftsführer des Multimedia Kontor Hamburg, das die Digital-Projekte der Hamburger Hochschulen bündelt.
“In Deutschland ist das Alumniwesen wenig entwickelt, doch die Hochschulen müssen in Zukunft überlegen, wie sie ihre Absolventen betreuen und binden”, glaubt Christoph Meinel vom Hasso-Plattner-Institut. Denn die Konkurrenz um Geld und Köpfe unter den Bildungseinrichtungen wird auch mit Einführung der Studiengebühren in diesem Jahr härter. “Wir setzen nach dem Vorbild der großen US-Universitäten auf ein Absolventen-Netzwerk, das die Karrieren der Studenten fördert”, meint der Informatik-Professor. Bisher versorgt die privat finanzierte Eliteschmiede ihre Absolventen über ein eigenes Alumni-Portal kostenfrei mit Vorlesungsaufzeichnungen zur persönlichen Weiterbildung. Künftig möchte Meinel seinen Absolventen auch kostenpflichtige Workshops anbieten: “Doch zunächst müssen die Hochschulen den Wert solcher Netze vermitteln. Erst dann wächst auch die Bereitschaft, künftig für entsprechende Dienste zu zahlen. Wer jetzt schon Gebühren kassieren will, macht diesen Markt kaputt, bevor er sich überhaupt entwickeln konnte.”
Standards halten
Den Universitäten geht es bei ihren Vermarktungskonzepten jedoch weniger darum, Gewinne einzufahren, glaubt Klaus Wannemacher vom Hochschul-Informations-System (HIS) Hannover. “Mit dem zusätzlich eingenommenen Geld möchten die Hochschulen ihre Standards halten und verbessern, um im internationalen Wettbewerb um Bildungskunden erfolgreich zu sein. Die E-Learningplattformen sollen sich auf diesem Weg refinanzieren”, meint der E-Learning-Experte beim HIS. “Viele E-Learning-Module sind nur mit Hilfe staatlicher Fördergelder entstanden. Nach Auslaufen dieser Finanzierung müssen die Hochschulen neue Wege finden, um diese Angebote abzusichern”, so Wannemacher, “Bisher ist die Verwertung von E-Learning für die Hochschulen Neuland. Sinkende öffentliche Budgets zwingen sie aber, sich der Kommerzialisierung zu öffnen. Das ist kein Nachteil, denn Wettbewerb forciert die Entwicklung hochwertiger Angebote für den Weiterbildungsmarkt.”
Geschäftsmodelle im Entstehen
Der Report “Geschäftsmodelle für E-Learning. Konzepte und Beispiele aus der Hochschulpraxis” des Hochschul-Informations-Systems listet Finanzierungsmöglichkeiten auf. “Etliche Hochschulen bauen zur Zeit kostenpflichtige Master-Studiengänge auf, die berufsbegleitend oder als Vollzeit-Weiterbildung online absolviert werden”, beobachtet Klaus Wannemacher. Besonders gefragt sind Studiengänge, die mit einem Master of Business Administration (MBA) abschließen. Zahlreiche Angebote kommen auch aus Wirtschafts- oder Technikfächern, zum Beispiel Wirtschaftsinformatik.
Von 600 bis tausende Euro: Preise differieren
Neben Pauschalpreisen für das komplette Studium sind auch Semestergebühren oder die Finanzierung über kostenpflichtige Einzelkurse, Prüfungen oder Abschlussarbeiten üblich. Die Preise schwanken sehr stark und sind noch schwer vergleichbar. So verlangt die Universität Oldenburg für den berufsbegleitenden “Master of Business Administration in Educational Management” mit kombinierten Präsenz- und Onlinephasen 600 Euro pro Semester. Beim MBA-Studiengang “Sustainability Management” der Universität Lüneburg zum Thema nachhaltige Entwicklungen in Führungspositionen kostet ein Modul 350 Euro und die Abschlussarbeit 1050 Euro. Mit ungefähr 5250 Euro müssen die Teilnehmer insgesamt rechnen. Für den berufsbegleitenden 15-Monats-MBA-Studiengang “Global eManagement” der International Graduate School of Executive Management gGmbH der Universität zu Köln müssen Führungskräfte mit drei- bis fünfjähriger Berufserfahrung gar 32 600 Euro berappen. Etwas mehr als die Hälfte kostet der zweijährige Executive MBA des Fachbereichs Wirtschaft der Fachhochschule Furtwangen (4500 Euro pro Online-Semester).
Für ihren Online-Studiengang der Wirtschaftsinformatik verlangen zum Beispiel die Universitäten Duisburg-Essen und Bamberg sowie Erlangen-Nürnberg knapp 7000 Euro (drei Semester, Abschluss Master of Science). Der 15-monatige “Master of Science in Information Systems” des “Bildungsnetzwerk Winfoline” an der Universität Göttingen im Verbund mit weiteren Hochschulen kostet dagegen rund 12 500 Euro. Abgerechnet wird in Einzelmodulen. Der zweijährige englischsprachige Master-Studiengang “Business Informatics” vom Verbund “Virtual Global University (VGU)” kostet in Vollzeit 2150 Euro pro Semester, für Kurse im Teilzeitstudium sind für den ersten Kurs 550 Euro und für jeden weiteren 430 Euro zu zahlen. Die VGU ist eine Initiative von 17 Lehrstuhlinhabern der Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder vergibt den Titel.
Auch Weiterbildungsangebote für Privatleute und Unternehmen sowie der Verkauf einzelner E-Learning-Module an andere Bildungsanbieter liegen im Trend. “Bei der Vermarktung von Einzelkursen unabhängig von akademischen Abschlüssen begeben sich die Hochschulen jedoch in einen starken Wettbewerb mit privaten, etablierten Weiterbildungsinstituten. Eine Chance haben sie deshalb vor allem mit spezialisierten Nischenangeboten und Zusatzdiensten wie dem Zugriff auf Fachdatenbanken oder dem Verkauf von Lehrmaterialien in Online-Shops”, meint E-Learning-Spezialist Klaus Wannemacher. Häufig lagern die Bildungseinrichtungen die Vermarktung solcher Pakete in eigene Vereine oder GmbHs aus. Zwischen knapp 200 und knapp 2500 Euro Gebühren verlangt zum Beispiel die Teleakademie Furtwangen an der Fachhochschule Furtwangen für Online-Kurse zu den Themen “Tele-Lernen”, “Informatik”, “Mediengestaltung” oder “Wirtschaft”. Einen besonderen Bonus bietet die Oncampus GmbH der FH Lübeck: Einwohner und Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein zahlen für Weiterbildungspakete für Medieninformatik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Industrial Engineering ermäßigte Tarife. Englischsprachige Einzelkurse mit Zertifikat verkauft der Virtuelle Linguistik-Campus der Universität Marburg für durchschnittlich 30 Euro. Für Akademikerinnen in der Babypause ist die Management-Qualifizierung “Karrierezeit” des Multimedia Kontor Hamburg konzipiert.
“Bisher setzen die Hochschulen nur wenige E-Learning-Geschäftsmodelle um. Beratung und Schulungen oder den Verkauf von Software oder Dienstleistungen bieten sie nur selten an”, meint Klaus Wannemacher vom HIS Hannover, “Zur Zeit achten die Bildungseinrichtungen zu wenig auf Nachfrage, müssen ihre Angebote genauer auf den Markt zuschneiden. Künftig wird es zunehmend englischsprachige Kurse und Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen geben”, erwartet der E-Learning-Experte.

