Nennen Sie es Größenwahn.
Cathrin schrieb am Montag, 4. April 2005, 18:47
Wie Leipzigs Wirtschaftsbeigeordneter Detlef Schubert* Paris und London einholen will und der Wirtschaftsstandort Leipzig Investoren den Weg ebnet
Interview von Cathrin Günzel, geführt im März 2005.
Herr Schubert, wie viele Investoren haben heute schon angerufen?
Zwei potenzielle Kandidaten, aus den Bereichen Automobil und Logistik. Einer interessierte sich für eine Fläche von 200 Hektar, einer für 40 Hektar. Es ist aber zu früh, von konkreten Verträgen zu sprechen.
Leipzig gilt als besonders flexibel und unbürokratisch …
In Leipzig gelten dieselben Gesetze wie anderswo. Aber wir haben eine Methode des Projektmanagements gefunden, die uns erlaubt, durchgreifend, über alle Parteien und Dezernate hinweg zu schnellen Ergebnissen zu kommen.
Also das Baudezernat bremst nicht, wenn das Wirtschaftsdezernat etwas anstößt?
In der Regel nicht.
Leipzig hat den Ruf, erfolgreicher als andere Kommunen investitionswillige Unternehmen anzulocken. Stichworte: DHL, das neue Güterverkehrszentrum, Quelle, Porsche und nicht zuletzt Autohersteller BMW, der eine Milliarde Euro an die Pleiße bringt. Was macht Leipzig anders?
Wir haben ganz klare Ziele, die von der Politik, der Stadtregierung und den Menschen mitgetragen werden. Leipzig lebt seine Visionen. Wir messen uns an den Großen. Unser Ziel: Wir wollen eine europäische Metropole werden. Das sagen wir jedem, der es hören will und auch denen, die es nicht hören wollen. Wissen Sie, statt Grundstücke feilzubieten, verkaufe ich Ideen, Visionen. Denn Grundstücke hat jeder. Und wer nur Grundstücke verkauft, der kriegt Baumärkte und Supermärkte. Wer Ideen verkauft, bekommt ökonomische Entwicklung.
Sie wollen es mit Weltstädten wie London oder Paris aufnehmen?
Ja. Nennen Sie es den Leipziger Größenwahnsinn. Wir können damit gut und in Frieden leben. Wissen Sie, nur die Verrückten treiben etwas voran. Immer fünf Zentimeter über der Erde schweben, darin liegt die Seele von Leipzig. Das finde ich wunderbar.
Das heißt, Leipzig befindet sich auch in verschärfter Konkurrenz mit Dresden?
Ich sehe da keine Konkurrenz. Leipzig konkurriert mit dem Rhein-Main-Gebiet, mit Düsseldorf, Köln und Bonn. Aber Dresden ist kein Wettbewerber, Dresden ist ein Partner. Wir sitzen schön in der Mitte, in einer Region, die von Bitterfeld bis Chemnitz und von Leipzig bis Dresden und Jena reicht. Gemeinsam müssen wir die Verbindung nach Polen und Tschechien, die Partnerschaft mit Osteuropa knüpfen. Unsere Ostkompetenz, die wir immer so laut hinausposaunen, müssen wir auch nutzen. Die haben wir etwas verkümmern lassen, Stichwort Russischkenntnisse. Die Leute hier waren dessen überdrüssig. Aber das regelt sich wieder.
Welche wirtschaftspolitischen Ziele setzen Sie?
Wir setzen auf fünf wachstumsträchtige Branchen und die Entwicklung von Wirtschaftsclustern Das Gießkannenprinzip ist spätestens seit den 90-er Jahren out. Das bedeutet, wir konzentrieren uns auf die Bereiche Automobil- und Zulieferindustrie, Medien- und Kommunikationstechnik sowie IT, Gesundheit, Biotechnologie und Medizintechnik, Energie- und Umwelttechnik sowie Dienstleistungen wie zum Beispiel Logistik. In diesen Branchen helfen wir, Netzwerke zwischen Unternehmen, Forschern, Risiko-Kapitalgebern und Existenzgründern zu knüpfen und gemeinsame Ziele zu entwickeln, mit denen sich alle identifizieren. Für jedes Cluster gibt es einen Verein, der daran arbeitet, die Player an einen Tisch zu bringen. Der dafür sorgt, dass sich der Netzwerkgedanke nicht in Laberei erschöpft, dass neue Ideen entstehen und die Beteiligten zum Beispiel auch Geld für Themen-Marketing aufbringen. Ein langfristiger Prozess, der 15 bis 20 Jahre dauert.
Wie gut liegen die vier Hauptbereiche zurzeit im Rennen?
Die Automobil- und Zulieferindustrie schafft in den nächsten 10 bis 15 Jahren in Leipzig direkt oder indirekt 20.000 Arbeitsplätze. In der Energie- und Umwelttechnik müssen die vielen kleinen Unternehmen jetzt gemeinsame Finanzierungs-Systeme und Komplettdienste entwickeln - statt von individuellen Systemen zu leben. Stabil funktioniert das Mediencluster, weil die Medienwirtschaft in Leipzig lange Tradition hat. Wir hatten in der Medienbranche nie so große Sprünge wie im Westen, aber auch nicht solche Zusammenbrüche. Die Medienunternehmen beschäftigen in Leipzig 30.000 Menschen, bringen drei Milliarden Umsatz im Jahr, wunderschön. Im Gesundheitsbereich sind wir auf einem guten Weg. Bestes Beispiel: Das neue Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie auf dem Gelände der Alten Messe, am 29. April fällt der Startschuss. Ich bin überzeugt, dass die Gesundheitswirtschaft einen großen Anteil daran haben wird, die Stadt zukunftsfähig zu machen. Allerdings bremsen Gesundheitspolitik und unser Sozialversicherungssystem den Fortschritt bislang. Ich glaube daran, dass die Stammzellenforschung und die damit verbundenen Therapieformen eine Basisinnovation der kommenden Jahrzehnte darstellt. Der Fortschritt auf diesem Sektor ist nicht aufzuhalten, auch nicht durch noch so komische Gesetze. Die Frage ist nur: Findet der Fortschritt bei uns statt oder woanders.
Sie kooperieren im Automobilbereich mit Linz in Österreich und dem tschechischen Plzen…
Wir denken international und nicht regional. Denn regionale Entwicklung ist ohne internationale Vernetzung nicht mehr möglich. Deshalb sind wir 2004 als Leadpartner in die Zusammenarbeit mit der Automobilregion Linz und mit Plzen eingestiegen. Immerhin konnten wir so 2,7 Millionen Euro europäische Mittel in die Region lenken. Arbeitsteilung ist eines der großen Zukunftsthemen. Und da sind wir sofort beim Thema transnationale Logistik. Immer mehr Produkte entstehen in internationaler Zusammenarbeit, müssen weltweit transportiert werden. Deshalb wollen wir im transnationalen Verkehr das Logistikzentrum für Osteuropa und auch für Asien werden. Ich will, dass die Güter von Budapest, Prag, Warschau nach Leipzig gefahren werden und von hier in die Welt hinausgehen. Einen Marktführer, DHL, haben wir. Jetzt kümmere ich mich um DHL Plus. DHL bringt 10.000 Jobs. Aber ich will 15.000 – und die 5000 zusätzlichen Arbeitsplätze sollen weitere Firmen bringen, die sich im Sog von DHL ansiedeln.
Bisher hält sich das Interesse ausländischer Unternehmen an Leipzig als Investitionsstandort in Grenzen. Auch Firmen aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern lassen sich nicht an die Pleiße locken…
Das überrascht mich nicht. Ich habe nicht erwartet, dass hunderte von Firmen aus dem Ausland in Leipzig akquirieren - leider. Unternehmen investieren immer in Märkte. Wenn kein regionaler Markt vorhanden ist oder der überregionale Markt von Polen oder Tschechien aus genauso bedient werden kann – warum sollte ein Unternehmer dann Geld nach Leipzig tragen? Es ist ein harter Wettbewerb, in dem wir uns befinden. Abschreckungspolitik und geschlossene Grenzen sind nicht der richtige Weg, ihn zu gewinnen. Zum anderen müssen wir unsere relativ kleinen Unternehmen in Sachsen besser für den Export ihrer Produkte in die Welt, in den Westen und Osten Europas qualifizieren.
Was unternimmt Leipzig dafür?
Eine Stadt allein kann relativ wenig tun. Auch mit der Förderung von Messebesuchen durch örtliche Unternehmen ist nicht viel zu machen. Ich habe ein Konzept in der Tasche, das sich Japan zum Vorbild nimmt: Die Japaner organisierten früher schlagkräftige Einheiten, die das internationale Akquirieren für regionale Unternehmen in die Hand genommen haben. Bei uns könnten zum Beispiel die Außenhandelskammern solche Auftragsbeschaffung betreiben – gefördert von Land und Bund. Das große Thema der nächsten Jahre ist für uns: Wie locken wir Unternehmenszentralen nach Leipzig?
Woran mangelt es dafür in Leipzig?
Wir müssen die Fachhochschulen noch mehr ausbauen und qualifizieren. Wir haben keine Technische Universität, der Technikkomplex fehlt. Es besteht ein Defizit in technischer Forschung und Entwicklung. Das müssen private Forschungsnetzwerke auffangen, soweit möglich. Aber die TUs in Dresden und Chemnitz sind ja nicht weit.
Muss Leipzig noch mit Ost-Klischees kämpfen, auch über 15 Jahre nach Wende?
Der ganze Osten hat immer noch ein Imageproblem, auch wenn Leipzig verhältnismäßig gut dasteht. Andererseits, es ist auch nicht schlecht, etwas unterschätzt zu werden. Trotzdem, wir bemühen uns, an den richtigen Stellen aufzufallen. Die nächste große Aktion ist die Verlosung der Spiele zur Fußball-WM 2006 in unserer Stadt, die weltweit übertragen wird. Da werden wahrscheinlich Millionen von Menschen zum ersten Mal das Wort Leipzig hören. Solch ein Marketing ist unbezahlbar.
Leipzig wirbt mit Freiheit und Weltoffenheit, verkehrt die NPD im Sachsen-Parlament dieses positive Image nun ins Gegenteil?
Der NPD wird viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, sie wird überschätzt. Für mich liegt die Aufgabe der Demokraten darin, den Radikalen durch eine bessere Politik den Boden zu entziehen. Diesen Wettstreit werden wir politisch gewinnen. Wenn die Demokraten Angst vor der NPD haben müssten, wäre es schlimm bestellt um unsere Demokratie.
Welche Ziele, welche Träume haben Sie für die nächsten Jahre?
Wenn es uns gelingt, in den nächsten sechs bis sieben Jahren 30.000 Jobs in Leipzig zu schaffen, dann haben wir das wichtigste Ziel erreicht. Und ich glaube, das wird uns gelingen. Immerhin sind in den letzten fünf Jahren 6000 Arbeitsplätze allein im Existenzgründungsbereich entstanden. Und wir werden auch noch einige Akquisitionserfolge haben. Das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigtem in Leipzig muss in fünf Jahren über dem von Dresden liegen. Ich wünsche mir außerdem, dass wir einen Eigenkapitalfonds für Sachsen bekommen. Darüber können wir Unternehmen durch stille Beteiligungen dazu bringen, sich weiterzuentwickeln und ein vernünftiges Reporting zu machen. Außerdem müssen die Überkapazitäten im Bauwesen so schnell wie möglich abgebaut werden. Ansonsten wünsche ich mir, dass es Leipzig immer gelingt, 500.000 Einwohner zu behalten. Trotz der demografischen Entwicklung. Und wenn nicht, müssen wir uns da auch was einfallen lassen.
Zur Person:
Detlef Schubert (CDU), Beigeordneter für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig, ist 58 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Er wurde im sächsischen Crimmitschau geboren, absolvierte eine Ausbildung als Rundfunk- und Fernsehtechniker, studierte dann Elektrotechnik und Betriebswirtschaft mit Abschluss als Diplomingenieur an der Technischen Universität Berlin. Detlef Schubert war acht Jahre Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste Berlin, Fachbereich Werbung und Kommunikationstechnik. Von 1978 an war er Referent bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. 1980 wechselte er zur IHK Mittlerer Niederrhein, war dort Vize-Geschäftsführer, dann Geschäftsführer und seit 1993 stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Seit Mai 1997 hat er das Amt des Beigeordneten für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig inne und vertritt die Stadt Leipzig in insgesamt 22 Gesellschaften, Aufsichtsräten und Beiräten.
Nachtrag 2007:
Bis 30.04.2006 war Detlef Schubert Beigeordneter für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig, seit 01.05.2006 ist er Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt.

