Yamato: Stunden des Donners
Cathrin schrieb am Freitag, 1. April 2005, 23:41
Reportage über die japanischen Trommelkünstler Yamato von Cathrin Günzel, entstanden im März 2005 in Warschau, erschienen in der “Dresdner Morgenpost”.
Ein kalter Samstagabend in Warschau. Es ist schon März, doch die Straßen sind glatt und der Schnee liegt wie im tiefsten Winter. Durch die breiten Asphalt-Alleen pfeift ein eisiger Wind, vorbei an heruntergekommenen sozialistischen Plattenbauten und hypermodernen Hochhäusern aus Glas und Stahl. Hell erleuchtet locken die Fenster der Kongresshalle im Kulturpalast. Der 1955 vollendete Prunkturm im stalinistischen Zuckerbäcker-Stil dominiert noch immer das Zentrum der polnischen Metropole. Viele Warschauer mögen den 232 Meter gen Himmel ragenden Koloss nicht, weil er stets zum Gehorsam für den “Großen Bruder” in Moskau mahnte. Trotzdem pulst im Inneren der gigantischen Stein-”Torte” das Kulturleben, auch in dieser Nacht. In den nächsten zwei Stunden werden sich auf der Bühne im Kongress-Saal fünf Männer und fünf Frauen in phantasievollen, schwarz-goldenen Kostümen die Seele aus dem Leib trommeln.
Doch noch sind die zerschabten roten Plüschsessel im Parkett und auf den drei Rängen hochgeklappt, rücken Techniker die letzten Kabel zurecht und testen die Beleuchtung. Seit dem späten Nachmittag trainiert die Trommel-Truppe “Yamato - the Drummers of Japan” für ihre Warschauer Show.
Dauerlauf für Kondition
Wie jeden Tag starteten die japanischen Künstler am frühen Morgen mit einem Dauerlauf. Sie brauchen Ausdauer, um ihre rund zwei Dutzend Schlaginstrumente mit dicken Stöcken, den Batchi, zu bearbeiten. Viel Zeit bleibt der Yamato-Crew zwischen Fitness- und Trommelübungen deshalb nicht, sich die im Zweiten Weltkrieg zerstörte und nach Canaletto-Gemälden wieder aufgebaute Warschauer Altstadt anzuschauen oder durch den verschneiten Lazienki-Park zu flanieren, die frierenden Pfaue und fusskalten Enten zu beobachten. “Die Art, wie Yamato Musik macht, kostet sehr viel Kraft und tägliches Training. Das lässt sich auch nicht bis ins hohe Alter durchhalten”, erklärt der 27-jährige Takeru Matsushita. Bis zu zwei Kilogramm verlieren die zwischen 20 und 37 Jahre alten Künstler während ihrer Show. Aus kleinen, Shime-Daikos genannten und mit Schnüren gespannten Trommeln holen sie hohe Laute und schnelle Rhytmen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit prügeln sie synchron auf “Denden Daikos”, Kindertrommeln. Doch der geheime Yamato-Star ist die 400 Kilogramm schwere Miya-Daiko. Das 1,70 Meter hohe und wie ein Bierfass geformte Monster ist aus einem einzigen großen Stück Zelkova-Holz geschnitzt und mit Kuhfell bespannt. Sein Ton dringt als dumpfe Vibration bis in die Magengrube. Aber noch hockt der Gigant still auf der Bühne.
Kleine Gottheit in der Trommel
“Die Trommel wird in Japan mit Respekt betrachtet, im Innern bewohnt von einer kleinen Gottheit”, erzählt Masa Ogawa, Gründer und künstlerischer Leiter von Yamato. Im alten Japan gehörten Trommeln zur dörflichen Tradition, aber auch zu vielen religiösen Bräuchen. Dörfer legten mit dem Trommelschall ihre Grenzen fest, während der Reispflanzung wurden die Taiko genannten Trommeln mit der Bitte um reiche Ernte geschlagen - und sollten auch Insekten verjagen. Auf dem Schlachtfeld jagten dumpfe Töne dem Gegner Angst ein. In den Kagura-Ritualen begrüßten Taiko-Töne die Götter bei ihrem Besuch auf der Erde. Noch heute steht in jedem Tempel eine Trommel.
Lachen erlaubt
Aber als Masa Ogawa das Trommel-Ensemble Yamato 1993 in Asuka nahe der einstigen japanischen Hauptstadt Nara gründete, hatte der gelernte Glasdesigner mit Religion nichts am Hut. Der heute 37-Jährige wollte vor allem Spaß haben: “Beim traditionellen Trommeln wird nicht gelacht. Aus Sicht der Traditionalisten spielt man für die Götter, und das ist eine ernsthafte Sache. Unsere Kunst ist ganz anders, der Sound soll zeitgemäß und cool sein, Freude vermitteln.” Statt religiösem Ernst überraschen Slapstick-Komik, Lichteffekte und eine explosive Choreografie mit waghalsigen Sprüngen das Publikum.
Ur-Japan im Namen
Der Name der Gruppe erinnert jedoch an die alten Traditionen und die Wurzeln des Trommelspiels: Yamato lautet der Name des Ur-Japan. Der Yamato-Hof wurde etwa zu Beginn des 4. Jahrhunderts als erster vereinigter japanischer Staat auf dem Gebiet der heutigen Präfektur Nara gegründet - der Region in Mitteljapan, aus der die Musiker stammen. “Die Ehrfurcht vor der Macht der Trommeln tragen wir in uns. Wir bringen ein Stück japanische Kultur in die Welt, wenn auch verändert und modernisiert”, erläutert Masa Ogawa, dessen zweijähriger Sohn inzwischen auch schon zu trommeln beginnt: “Yamato ist für uns nicht nur ein Job, wir identifizieren uns sehr stark mit dem, was wir tun.” Und das hat schon wieder fast religiöse Züge: Wer bei Yamato mitmacht, verschreibt sich der Truppe ganz. “Bei uns stehen nicht zehn Leute auf der Bühne und jeder haut für sich auf die Trommel, sondern wir wollen gemeinsam einen Klang erzeugen. Diese Einheit entwickelt sich nur, wenn man möglichst viel Zeit miteinander verbringt”, meint Yamato-Oberhaupt Ogawa, “Deshalb leben wir miteinander, kochen gemeinsam. Wir teilen den Alltag, Freud und Leid, damit dieses Gefühl auf der Bühne entstehen kann. In der Show bündeln wir unsere gesamte Energie.” Das strenge Konzept hat Erfolg: Yamato begeisterte das Publikum bereits in 27 Ländern weltweit, absolviert 200 Vorstellungen im Jahr.
Bandenwerbung und Trommel-Matadore
Die Warschauer wissen noch nicht, was sie an diesem Abend erwartet. Dick eingemummt strömen fast 2000 Menschen die Treppen empor, durch schwere gläserne Flügeltüren. Vorbei an finster blickenden Security-Männern in dunkler Kleidung, hinein in den frühsozialistischen Marmor-Prunk. 50 Euro haben sie im Durchschnitt für ihre Tickets ausgegeben, ein kleines Vermögen in Polen.
Durch das 50-er-Jahre-Foyer zieht ein scharfer Wind, dicke Jacken, Mützen, Schals und Handschuhe wandern über den Garderobentresen. Sie geben den Blick frei auf schicke Abendkleider, auf teure Anzüge, billige Sakkos, Jeansjacken und grobe Pullover. Noch erhellen kitschige Kronleuchter den Saal mit den weißen Marmorsäulen. Unter der beleuchteten Kuppel nimmt das Publikum Platz hinter angekratzten, gelblich-weißen Holzbalustraden. Aufdringliche Bandenwerbung macht unter anderem für einen örtlichen Radiosender Reklame. Nach dem Verlesen der Sponsoren gehen endlich die Lichter aus - und auf der Bühne muskulöse Männer mit dicken Trommelstöcken in Stellung. Ihre kraftvollen Schläge folgen einer geraden Linie, die Bewegungen erinnern an Kampfsport. Dumpfes Dröhnen lässt den Saal beben. Es folgt schnelles Trommelfeuerwerk, mit wilden Sprüngen wirbeln die Yamato-Künstler über die Bühne. Dazwischen klingeln Chappas, kleine Zimbeln aus Bronze, oder die Shinobue, eine japanische Bambusflöte, pfeift ihre Melodie. Wie auf einer Rockgitarre dengelt Akiko Ogawa, 32-jährige Schwester des Yamato-Gründers, mit dem Plektron über die drei Saiten des althergebrachten Zupfinstrumentes Shamisen. Auch der Einsatz des zitherartigen, fast 1,80 Meter langen Instrumentes Koto erinnert wenig an historische Töne.
Slapstick statt Tradition
Auf überlieferte Weise, bei einem traditionellen Meister, haben die Yamato-Musiker nicht spielen gelernt. Ihre Lautorgien sind der Popmusik verwandter. Die Sessel vibrieren. Das Publikum applaudiert begeistert. Yamato-Frontmann Takeru Matsushita schäkert mit den fast 2000 Zuhörern, animiert sie zu minutenlangen rhytmischen Klatschübungen. Lautes Lachen im Saal begleitet den “Hahnenkampf”: Ein in Slapstick-Manier ausgetragener Zwist zweier Trommler um Geschwindigkeit, Laustärke und Ausdauer. Die archaische Kraft der Naturgewalten beschwören Stücke wie “Ran Ran”, was soviel bedeutet wie “Sturm, Sturm”, oder “Blitz”. Denn die Show, mit der Yamato seit Februar durch Europa tourt, heißt “Kami-Nari - Thunder” (deutsch: Donner). “Das grollende Geräusch des Donners spielte schon früh in der japanischen Dramatik eine tragende Rolle”, begründet Masa Ogawa. Bei den Warschauern kam das Programm gut an: Mit Standing Ovations feiern sie die Künstler, fordern hartnäckig Zugaben. Leise vor sich hin trommelnd, verlassen die Zuschauer schließlich strahlend das Kulturhaus. “Vielleicht funktioniert unsere Show überall in der Welt, weil das Publikum bei unseren Konzerten die eigene Lebensenergie spürt. Weil jeder seine kleine Trommel im Brustkorb trägt”, sinniert Yamato-Chef Ogawa.
Gegen Mitternacht huscht die ganze Crew unter eisklarem Himmel zum Essen in das moderne Marriot-Hotel. An der Glasfassade entlang schleicht der Fahrstuhl zur obersten Etage, gibt den Blick frei auf das boomende Warschau mit seinen Neubauten und Baustellen. Überdimensionale Neonreklamen blinken in die Kälte, die gigantischen Werbeflächen geben der Stadt einen Hauch von Tokio oder New York.

