Universitäten online: Dünkel und Dilletanten
jac schrieb am Freitag, 31. Dezember 2004, 17:33
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Artikel von Cathrin Günzel und Jürgen Christ, eine redigierte Fassung erschien in FOCUS 34/2004
Wenn Toni Gunner Linguistik-Kurse an ihrer Marburger Universität besuchen will, schaltet die Anglistik-Studentin zu Hause einfach ihren Computer an. Um Übungen für die Prüfungszulassung zu absolvieren, muß die 23-Jährige keinen Fuß auf den Campus setzen. Sie loggt sich mit ihrem Passwort in das Online-Seminar auf dem “Virtual Linguistics Campus” im Web ein. Dort kann sie aus 25 verschiedenen Kursen wählen, liest Fachtexte, schaut sich Animationen an und löst Aufgaben. Bei Nachfragen chattet sie mit ihrem Professor oder schickt ihm eine E-Mail. “Ich habe bereits fünf Scheine im Internet erworben”, berichtet Gunner. “Und wenn ich im nächsten Jahr für ein Semester nach England gehe, verfolge ich mein Studium einfach im Web weiter.” Doch wenn sich die Studentin für das neue Semester einschreiben will, muss sie immer noch im Immatrikulationsbüro Schlange stehen. Eine Online-Alternative? Fehlanzeige.
UMTS-Milliarden für deutsche Bildung versandet
Lahmende Web-Dienste sind an deutschen Hochschulen die Regel. So stellt der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz vom ProfNet Institut für Internet-Marketing der Fachhochschule Dortmund beinahe allen Hochschulen ein schlechtes Zeugnis für ihre Web-Auftritte aus. Er prüfte die Internetseiten von 285 deutschen Hochschulen auf 135 Kriterien, darunter Layout, Inhalt, Interaktivität und Benutzerführung. “Von den maximal zu vergebenden 100 Punkten erzielten alle Bildungseinrichtungen zusammen im Durchschnitt nur 46″, zieht Kamenz ein ernüchterndes Fazit. Kamenz kritisiert vor allem das mangelnde Angebot an Dienstleistungen für den Studentenalltag wie Online-Stundenpläne oder Listen mit Klausurergebnissen.
Die Humboldt-Universität Berlin, Gewinnerin des ProfNet-Web-Ranking, punktete mit einem Online-Rundgang über den Campus. Doch insgesamt erreichte der Primus unter den deutschen Hochschulen auch nicht mehr als 67,5 Punkte.
Die miserablen Web-Agebote erstaunen um so mehr, als das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit dem Programm “Neue Medien in der Bildung” mit 150 Millionen Euro aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen 100 Online-Projekte an deutschen Hochschulen in den vergangenen vier Jahren gefördert hat. Zusätzlich steckten viele Bundesländer Mittel in ehrgeizige Unterfangen, wie die Virtuelle Hochschule in Bayern, die bis 2006 elf Millionen Euro verschlingen wird. 27 Universitäten und Fachhochschulen bieten dort im kommenden Wintersemester 100 Online-Kurse an. Doch der Geldregen versickerte meist in technisch überfrachteten oder praxisfernen Vorhaben.
Uni-Verwaltungen hinken bei Modernisierung hinterher
“Wir haben kaum Projekte gefunden, die nachhaltig, also ohne weitere Zuschüsse dauerhaft lebensfähig sind”, fasst Bernd Kleimann von Hochschul-Informations-System Hannover die Ergebnisse seiner aktuellen Studie “eLearning an deutschen Hochschulen” zusammen. “Oft wurden die Kosten für die weitere Betreuung vergessen. Was nutzt die beste Technik, wenn die Studenten keine Antworten auf ihre E-Mails bekommen?” Während der Bund multimediale Studienprogramme, digitale Bildarchive oder Online-Seminare bezahlte, fehlen an den meisten deutschen Hochschulen schon die Basisdienste im Internet wie das Zusammenstellen eines Studienplanes, Prüfungsanmeldungen, Diplomarbeitenbörsen oder Material zur Prüfungsvorbereitung – ganz zu schweigen von einer Prüfungsnotenabfrage per SMS. “Deutsche Hochschulen vernachlässigen bei ihren Online-Angeboten die Alltagsthemen. Die Studenten erwarten, dass sie nicht Schlange stehen müssen, um ihren Professor zu treffen”, behauptet Ulrich Schmid. “Doch die Uni-Verwaltungen hinken bei der Modernisierung bisher hinterher.” Der Geschäftsführer des Multimedia Kontor Hamburg, das die Digital-Projekte der staatlichen Hamburger Hochschulen bündelt, hat am gerade fertig gestellten weltweiten OECD-Bericht “Fallstudien E-Learning in der akademischen Aus- und Weiterbildung” mitgeschrieben. “Die USA oder Kanada sind pragmatischer. Die dortigen Hochschulen stricken ihre Online-Projekte meist mit weniger Mitteln und nicht so anspruchsvoll wie die Deutschen, aber dafür funktionieren sie.” An der University of British Columbia im kanadischen Vancouver läuft zum Beispiel die gesamte Verwaltungskommunikation von der Immatrikulation bis zum Professoren-Kontakt und der Bibliotheks-Mahnung nur noch über Internet und E-Mail. In den USA bekommen Dozenten gar vorgeschrieben, dass sie E-Mails innerhalb von 24 Stunden beantworten müssen.
Anders als die meisten ihrer Kommilitonen müssen die beiden BWL-Studenten Vera Jakob und Tobias Schierholt von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen nicht mehr neidisch über den Großen Teich schauen. “Fast alle Professoren stellen ihre Vorlesungsskripte und Übungen ins Netz, bei den Maschinenbauern werden die Vorlesungen aus Platzgründen in andere Hörsäle und ins Internet übertragen”, berichten die beiden 24-Jährigen. “E-Mails beantworten selbst Professoren oft nach fünf Minuten.” Benötigen die RWTH-Studenten für Bewerbung, Praktikum oder BaföG-Amt eine Bescheinigung über ihre Prüfungsnoten, loggen sie sich mit ihrer Matrikelnummer und einem Passwort in das Online-Campussystem ein und drucken sie aus. “Noch vor etwa einem halben Jahr musste ich dafür zum Prüfungsamt laufen, das nur vormittags zwischen neun und zwölf und an einem Nachmittag in der Woche von zwei bis vier Uhr geöffnet ist”, erzählt Vera Jakob. Als die Diplomandin kürzlich ein Praktikum an der Universität in Auckland absolvierte, konnte sie ihren Arbeitgebern in Neuseeland schnell einen Zensurennachweis bringen. “Demnächst können wir uns auch für Prüfungen im Internet an- und abmelden, das funktionierte bisher nur bei den Medizinern. Auch unsere Vorlesungspläne bauen wir online zusammen.”
E-Mail an deutschen Unis: “Wegen Wartungsarbeiten geschlossen”
Von derartiger Serviceorientierung sind andere Bildungshochburgen noch meilenweit entfernt. “Auf den Webseiten der zehn größten deutschen Universitäten finden sich mindestens ein Drittel völlig veraltete Daten”, klagt Walter Kugemann, Leiter der Einrichtung FIM-NeuesLernen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die multimediale Hochschullandschaft gestalte sich als uneinheitlicher Flickenteppich, jedes Bundesland werkele allein vor sich hin. Der Marburger Anglistik-Professor Jürgen Handke macht unter anderem Dünkel seiner Kollegen dafür verantwortlich. “So würden die meisten deutschen Professoren lieber die Zahnbürste eines Kollegen benutzen als seine Lehrinhalte”, beklagt der Marburger.
Web-Experte Kugemann konstatiert, dass die Universitäten die Bedeutung des Internets noch nicht erkannt haben: “Wegen Wartungsarbeiten legen große deutsche Universitäten schon mal ihre E-Mail-Systeme für Stunden still”, wettert er, “als wäre das nur eine unwichtige Zusatzdienstleistung.” Dabei käme doch auch keiner auf die Idee, das Telefonnetz abzustellen.
Mit neuen Förderrichtlinien will das Bundesbildungsministerium nun gegensteuern. Wer ab Herbst Geld aus dem 40 Millionen Euro schweren neuen Topf für “E-Learning-Dienste für die Wissenschaft” beziehen will, muss zum Beispiel Vermarktungschancen und einen Plan für die künftige Eigenfinanzierung nachweisen.
Nichts mehr ohne Internet
Wie man funktionierende und nachhaltige Webservices aufbaut, demonstriert derweil die Fernuniversität Hagen: Alle neun mit UMTS-Geld unterstützten Projekte von Mathematik bis Jura sind heute fester Bestandteil der Lehrveranstaltungen an Virtuellen Universität der Hagener. “Wir arbeiten schon seit 1998 am Wechsel vom Papier zum Onlinemedium”, erklärt Thomas Berkel, Leiter der Stabsstelle “Lernraum Virtuelle Universität”. Zurzeit diskutiert die traditionelle Fernlehranstalt, welche Standardzeiten ihre Professoren künftig für E-Mail-Anfragen einhalten müssen. “Ab 2008 geht für Studenten und Lehrende bei uns ohne Internetzugang nichts mehr”, kündigt Berkel an. “Dann werden Anmeldungen nur noch auf diesem Weg akzeptiert und Prüfungsergebnisse ausschließlich online bekannt gegeben.”
Siehe auch:
Interview “Wirkungslos geblieben: 150 Millionen Euro” mit Walter Kugemann, Leiter der Einrichtung FIM-NeuesLernen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Weitere Informationen:
Die Universität Stuttgart förderte im Programm 100-online 230 kleine Online-Projekte mit je 5000 Euro aus eigener Tasche. An allen zehn Fakultäten entstanden Internetkurse und -praktika. Das “Campus-online education”-Programm schaffte den Einzug ins Finale des mit 100.000 Euro dotierten mediendidaktischen Hochschulpreises Medida-Prix, der am 16. September in Graz verliehen wird.
Informatik-Professor Oliver Vornberger von der Universität Osnabrück sendet seine Vorlesungen aus dem Hörsaal montags und dienstags live ins Internet und speichert die kompletten Vorträge im Web. “Der Dozent wird zum Talkmoderator und muss sich daran gewöhnen, dass jeder Versprecher für die Ewigkeit archiviert bleibt”, berichtet Vornberger. “Damit steigt aber auch die Qualität. Wenn ich weiß, die Veranstaltung wird aufgezeichnet, mache ich mir im Vorfeld mehr Gedanken.” Betrüblich für die Eitelkeit des Lehrpersonals: Seit die Vorlesungen im Internet stehen, sitzt ein Drittel weniger Studenten im Hörsaal.
Eines der ambitioniertesten deutschen Projekte ist der Online-Campus ILIAS, eine frei nutzbare mehrsprachige Software für Online-Studiengänge. Studenten und Wissenschaftler starteten es 1997 am Lehrstuhl Politikwissenschaft der Universität Köln.”Wir wollten den ‚Volkswagen’ für E-Learning-Anwendungen bauen, eine preiswerte Alternative”, erklärt der Kölner Projektmanager Matthias Kunkel und verweist auf 500 Installationen weltweit. Pädagogen, Psychologen und sogar der Militärnachwuchs an der Hochschule der Bundeswehr lernen auf der Basis von ILIAS. Rund 300 Freiwillige basteln an der Weiterentwicklung des kostenlosen Programmes. “Unsere Finanzierung steht jedoch auf wackligen Füßen”, klagt Kunkel, denn Fördermittel bekommt er nicht. Bisher zahlte die Universität Köln die drei festen Mitarbeiter und zwei studentischen Hilfskräfte aus dem eigenen Haushalt, inzwischen denken mehrere Hochschulen über eine Beteiligung nach.

