Verloren im System
jac schrieb am Montag, 20. Dezember 2004, 23:51
ein Kommentar von Jürgen Christ in der Sächsischen Zeitung am Sonntag, Dezember 2004
Das Internet streikt. Sie brauchen technische Hilfe und rufen in einem Call Center an. Die freundliche Dame: “Ich kann Ihnen nicht helfen. Wir haben Probleme mit dem Computer” …
Wie oft ärgere ich mich über meinen Computer? Ich weiß es nicht genau, aber oft. Der Kerl verrechnet sich, trifft falsche Entscheidungen und gibt mir seltsame Zeichen. Seine großen Kollegen andernorts machen noch viel mehr Mist.
Beispiel: Telekom. Nach Zusendung einer Mahnung für eine bezahlte Rechnung schiebt eine Mitarbeiterin dies auf eine “Softwareumstellung”. Trotzdem erscheint auf der nächsten Rechnung eine Mahngebühr - die Dame erklärt: “Netzwerkfehler!”
Die Bahn verkauft ICE-Fahrscheine für Züge, die eigentlich ICs - und damit preiswerter - sind. Auf Anfrage verärgerter Kunden erklärt der Bahn-Mitarbeiter, er mache nur, “was der Computer vorgibt”.
Meine Kabelgesellschaft, die eine überfällige Störung beheben soll, findet die Störungsmeldung nicht mehr im PC. Die Mitarbeiterin findet aber eine philosophische Erklärung: “Sie ist einfach im System verschwunden.”
Ich stelle mir ein Leben ohne Computer vor. Mitarbeiter bekämen wieder mehr Verantwortung, Computerhersteller müssten milliardenschwere Schadenersatzsummen zahlen.
Mein Computer piept und reißt mich aus meinen Gedanken. “Allgemeine Schutzverletzung.” Manchmal frage ich mich, ob er mich versteht. Vielleicht fühlt er sich nur ein wenig missverstanden und nicht so richtig menschlich behandelt. Bei dem Gedanken lächele ich und freue mich, dass es ihn gibt. Er spürt es offenbar. An solchen Tagen läuft er fehlerfrei.

