Platzhirsch für arabische Kamele
jac schrieb am Donnerstag, 14. Oktober 2004, 20:43
Interview mit Wolfgang Marzin, Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH, von Jürgen Christ geführt am 28.9.2004, Ort: Messegelände, gekürzt veröffentlicht 2004 in der Sächsischen Zeitung am Sonntag.
Wie fühlen Sie sich nach dem ersten halben Jahr als “Wahl-Sachse”?
Marzin: Nach wie vor gut. Leipzig ist eine sehr liebenswerte Stadt, Sachsen wirkt superdynamisch und bei der Messe sitze ich mittendrin. Wir leben natürlich in einer Zeit, in der Deutschland Höhen und Tiefen durchläuft. Eine Zeit, in der die Weichen neu zu stellen sind. Als Messe müssen wir zusätzliche Bereiche wie das Auslandsgeschäft erschließen - und vor allem schnell sein.
Vor einem halben Jahr klangen Sie noch euphorischer, als Sie über eine internationale Neuausrichtung sprachen?
Marzin: Die Rahmenbedingungen haben sich im letzten halben Jahr nicht wesentlich verändert. Im Gegenteil. Wir als Messeplatz sehen eine Chance, durch die Neuausrichtung Europas und die Integration weiterer Mitgliedsstaaten zu profitieren - und das haben wir bereits getan. Die Aufgabe ist zwar größer, als wir erwartet hatten, aber alle Mitarbeiter sind bestens motiviert.
Ist nach der Landtagswahl und dem Einzug der NPD in den Sächsischen Landtag nicht eher Ernüchterung eingetreten?
Marzin: Die Bedenken werden umso stärker, je weiter weg unsere ausländischen Kunden und Partner sitzen. Aus Amerika zum Beispiel gab es nach der Landtagswahl durchaus Fragen wie “Welche Rückschlüsse sind auf ausländische Ansiedlungen und für Besucher und Aussteller zu ziehen? Sind wir überhaupt noch willkommen in Sachsen?” Da lesen Besucher oder Aussteller eine Headline in der New York Times wie “Rechtsruck in Deutschland”, sind verunsichert und fragen nach.
Registrieren Sie bereits erste Stornierungen?
Marzin: Nicht von Ausstellern, aber wir hatten unmittelbar nach der Landtagswahl Stornierungen von Besuchern, zum Beispiel aus der Türkei. Allerdings erfolgen solche Entscheidungen meist spontan.
Kann die Messe ihre wirtschaftlichen Erfolge aus dem ersten Halbjahr behaupten?
Marzin: Wir können nach den ersten neun Monaten eine positive Bilanz ziehen, haben bei vermieteter Ausstellungsfläche und Besucherzahlen erfreulich zugelegt. Das gilt sogar für Regionalmessen, die sich deutschlandweit auf einem Rückwärtstrend befinden. Wir haben internationale Veranstaltungen dazu gewonnen. Zum Beispiel die größte europäische Messe für das Dachdeckerhandwerk “Dach und Wand” und die IfraExpo, eine Weltmesse für Zeitungs- und Digitaldruck. Die GC - Games Convention entwickelte sich zur europäischen Leitmesse für Computerspiele. Anfragen aus aller Welt bestätigen den Trend der GC zur Weltmesse, selbst in China ist sie bekannt.
Vor kurzem fand in Leipzig ein internationaler Kardiologen-Kongress statt. Neben viel Lob für die Organisation gab es Kritik an der Erreichbarkeit Leipzigs für die ausländischen Teilnehmer. Sind Messe und Region an ihre Grenze gestoßen?
Marzin: Gerade solche Großveranstaltungen mit über 5 000 Teilnehmern aus aller Welt führen zu einer nicht alltäglichen Grenzbelastung für Messe und Stadt. Wir lösen solche Aufgaben, indem wir zum Beispiel Sonderabsprachen mit der Lufthansa treffen. Aber der Aufwand ist enorm, das spüren leider auch unsere Kunden.
Die Bettenkapazitäten in 4- und 5-Sterne-Hotels reichen nicht aus …
Marzin: Alle Hotels waren ausgebucht. Eine Grenzbelastung gab es aber auch anderswo. So hätten die Leipziger Verkehrsbetriebe etwas mehr Kapazitäten zur Verfügung stellen können.
Was können der Leipziger Flughafen oder die sächsische Hotelbranche besser machen?
Marzin: Es wäre wünschenswert, wenn der Leipziger Flughafen mehr angeflogen würde. Die Lufthansa hat eine starke Position. Sie setzt nur zusätzliche Kapazitäten ein, wenn garantierte Buchungen vorliegen. Die Lufthansa will eine betriebswirtschaftliche Garantie, was dauerhaft aber nicht geht. Wir haben mehrere Flughäfen in der Region und wünschen uns, dass hier die Kräfte konzentriert werden.
Soll der Dresdner Flughafen zugunsten Leipzigs geschlossen werden?
Marzin: Nein, natürlich nicht. In beiden Städten ist Industrie angesiedelt und beide Flughäfen haben ihre Berechtigung. Es gibt aber deutschlandweit keine Region mit so vielen Flugplätzen in solch einem kleinen Radius. Es wäre schön, wenn sich zum Beispiel die Lufthansa auf einen Standort konzentrieren würde und die Investition für den Standort im Vordergrund steht. Wir müssen alle das Gesamtbild im Kopf behalten: “Was ist für Sachsen, für die Region vorteilhaft?” Nicht Mikro-, sondern Makrodenken. Im Zeitalter der Globalisierung ist ein regionaler Wettbewerb bei der Infrastruktur eher hinderlich.
Stichwort “Regionaler Wettbewerb”. Auch die Dresdner und Leipziger Messe machen sich regional Konkurrenz.
Marzin: Die Leipziger Messe ist traditionell der Platzhirsch in Sachsen, bei den großen Messen. Aber bei Regionalmessen wird es immer thematische Überschneidungen geben. So mussten die Dresdner Kollegen ihre Antiquitätenmesse absagen, weil zeitlich sehr nah eine Kunst- und Antiquitätenausstellung bei uns stattfindet und weiter stattfinden wird.
Warum sprechen Sie dann - Sachsen zu liebe - nicht miteinander?
Marzin: In Bezug auf Regionalmessen werden wir das künftig machen. Wir sind als öffentliches Unternehmen auch dazu angehalten, die Kräfte zu konzentrieren.
Und die Leipziger Messe konzentriert sich dann auf Internationales?
Marzin: Wir wollen die Region auf gar keinen Fall zugunsten des Auslandsgeschäfts vernachlässigen. Im Gegenteil. Wir wollen ausländische Besucher, Aussteller und Gastveranstalter nach Sachsen holen. Unsere höchste Priorität haben internationale Märkte, denn nur da sind neue Märkte.
Warum liegen die Chancen für Sachsen im Ausland?
Marzin: Im Ausland liegt mehr Besucherpotenzial. Unsere einheimischen Aussteller wollen internationale Kunden auf unseren Messen finden. Flankierend organisieren wir Messebeteiligungen im Ausland oder gehen dort Kooperationen ein. Im Auslandsgeschäft erreichen wir mit unserer Qualität, mit der wir nach einem Service-Check der Zeitschrift “impulse” auf Platz eins aller deutscher Messen stehen, auch neue Kunden für die einheimischen Aussteller. Der Mittlere Osten zum Beispiel könnte ein neuer Markt sein.
Sehen Sie die Messe als wirtschaftspolitisches Förderinstrument für Sachsen?
Marzin: Absolut. Die Messe strahlt auf die gesamte Region ab.
Sie sind gerade dabei, arabische Gäste nach Leipzig zu locken.
Marzin: Wir haben in den Vereinigten Arabischen Emiraten erfolgreich begonnen. Erstes Ergebnis: Es kündigen sich arabische Besucher an. Die Messe hat dort einen guten Namen. In Sharjah haben wir die deutsche Beteiligung an einer Veranstaltung organisiert. In den nächsten Wochen eröffnen wir eine Repräsentanz in Dubai. Die Veranstalter der Deutsch-Arabischen Woche, die bisher in Niedersachsen stattfand, wollen nach Leipzig kommen. Dazu soll es ein großes Rahmenprogramm geben - mit Wirtschaftstreffen, einer arabischen Nacht und Kamelrennen auf der Leipziger Pferderennbahn.
Verraten Sie uns mehr zu neuen Mega-Events im Congress Center?
Marzin: Aus vertraglichen Gründen darf ich noch nicht viel sagen. Aber wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Wochen einen neuen Weltkongress für 2008 ankündigen können. Dieser Kongress zählte bislang etwa 8 000 Teilnehmer und brachte 15 Millionen Euro Umsatz in die Gastgeberregionen.
2006 trägt Leipzig Spiele zur Fußball-WM aus. Wie profitiert die Messe?
Marzin: Die Auslosung der Endrunden-Paarungen findet im Dezember 2005 in der Glashalle statt. Wir sind intensiv dabei, dieses Megaspektakel vorzubereiten. Es wird von vielen Millionen Menschen in der Welt verfolgt.
Muss die Messe als regionales Förderinstrument denn überhaupt Gewinne erwirtschaften?
Marzin: Dauerhaft schon. Andererseits erzielen im Wesentlichen jene Messegesellschaften langfristig Gewinne, die kein eigenes Messegelände besitzen und ihre Veranstaltungen auf fremden Arealen ausrichten. Die Leipziger Messe ist durch den Willen ihrer Gesellschafter ein Förderinstrument und wir müssen Gewinn oder Verlust immer im Verhältnis sehen zu dem, was die Region durch die Messe an Umsatz erreicht. Ein Beispiel: Wir erwirtschaften einen Umsatz von knapp 60 Millionen Euro. Doch die Folgewirkungen für die Region betrugen nach der letzten IFO-Studie schon 2002 über 251 Millionen Euro. Daran hängen rund 4 000 Arbeitsplätze, zusätzlich zu den 270 Messemitarbeitern.
Wann wollen Sie denn Gewinne erzielen?
Marzin: Ich möchte mich nicht auf einen Zeitpunkt festlegen. Wir sind als Fachmesse-Veranstalter auch erst seit 13 Jahren im Markt. Andere deutsche Messen haben an Großveranstaltungen verdient, die teilweise in den 50-er und 60-er Jahren von den deutschen Verbänden initiiert wurden. Wir sind dagegen noch ein Kind, nicht mal volljährig und kommen gerade in die Pubertät. Und das gilt für den ganzen Standort. Wirtschaftlich betrachtet.
Alle müssen sparen. Welchen Dienstwagen gönnen Sie sich?
Marzin: Einen Audi A 8. Ich würde auch einen A 6 nehmen, um damit zirka 200 Euro Steuern zu sparen. Nur versuchen Sie mal, das unseren arabischen Geschäftspartnern zu erklären, die bei der Abholung vom Flughafen ganz andere Limousinen gewohnt sind. Die Kosten niedrig zu halten - dazu sind wir ja alle gezwungen. Aber wir dürfen nicht am falschen Ende sparen.
Danke für das Gespräch.
PERSÖNLICHES
Herr Marzin, welches sind Ihre drei größten Charakterstärken?
Marzin: Geradlinigkeit, Menschenkenntnis und Offenheit.
Wann siedeln Sie mit Ihrer Familie nach Sachsen?
Marzin: Hier in Leipzig lebe und arbeite ich bereits seit Januar. So meine 65 bis 80 Stunden in der Woche. Aber ich bin ein überzeugter Familienmensch und plane mit meiner Frau für Sommer 2005, ein Haus in Leipzig zu mieten. Bei uns reden aber noch drei kleine Kinder mit. Ich persönlich möchte langfristig in Leipzig arbeiten. Man erhält im Leben auch nicht so oft die Chance, Chef der Leipziger Messe zu werden.
Wie hält sich ein Manager mit 40 fit?
Marzin: Morgens mit joggen, und in der Freizeit mit Snowboarden, Skifahren, Tennis und Fahrradfahren. Zum geistigen Ausgleich gehe ich gerne ins Theater.
KURZ-BIOGRAPHIE
Wolfgang Marzin, 40, blickt auf eine Musterkarriere fürs Messewesen zurück: Der gebürtige Münchner studierte nach seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann, Schwerpunkt Auslandsmessen, in Hamburg und Bremen Betriebswirtschaftslehre, Fachrichtung Außenhandel. Erste Berührung mit Messen bereits vor zwanzig Jahren in Shanghai (China). Erfahrungen in leitenden Positionen bei der Messe München und Messe Düsseldorf gesammelt. Hat außerdem drei Jahre in Chicago (USA) gelebt. Seit April leitet er die Geschicke die Leipziger Messe. Verheiratet mit Volkswirtin Kristina, Bilanz: Drei Kinder. Umzug der gesamten Familie nach Sachsen für Sommer 2005 geplant. Stärken nach eigener Ansicht: Geradlinigkeit, Menschenkenntnis, Offenheit. Hält sich fit mit Snowboarden, Ski- oder Radfahren, Tennis sowie Theaterbesuchen.

