Die Ratte als Glücksbringer für Bluthochdruck-Kranke
Cathrin schrieb am Dienstag, 11. März 1997, 08:20
Dieser Artikel ist ein alter dpa-Bericht von Cathrin Günzel, der eigentlich bereits auf das Jahr 1993 zurückgeht: Im Auftrag der Deutschen Presse Agentur besuchte Cathrin die Forscher des Max-Delbrück-Zentrums in Berlin.
Die Ratte könnte sich als Glücksbringer für das Heer von Bluthochdruck-Kranken erweisen. Sie ist das “Versuchskaninchen” von Forschern, die herausfinden wollen, welches Gen im menschlichen Körper für die Vererbung der Hypertonie ursächlich ist. Die Wissenschaftler vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) gehen davon aus, daß rund 60 Prozent der Betroffenen ihre Anfälligkeit geerbt haben. Genetische Untersuchungen an Ratten hätten gezeigt, daß schon die Veränderung eines Gens zu Bluthochdruck führen kann.
Professor Detlev Ganten, Heidelberger Bluthochdruckforscher und Gründungsrektor des MDC in Berlin-Buch, entwickelte mit seiner Arbeitsgruppe Tiermodelle, mit denen die genetischen Ursachen des Bluthochdrucks aufgespürt werden sollen. Er begann seine Forschungen an Ratten, unter anderem an sogenannten transgenen Tieren. Diese Ratten enthalten in ihren Embryozellen fremde Gene der Maus oder des Menschen.
Die fremden Gene werden in die befruchtete Eizelle geschleust, aus der sich dann die transgene Ratte entwickelt. Die fremden Gene verändern den Stoffwechsel der Tiere. Ihr Herz vergrößert sich oder sie bekommen Bluthochdruck. Damit läßt sich feststellen, ob die Veränderung des implantierten Gens beim Entstehen von Hypertonie eine Rolle spielt.
Wie ihre “Schwester”, die Krebsmaus, ist auch die Bluthochdruck-Ratte zum Patent angemeldet worden. Gegen die Patentierung eines Lebewesens hatte es Proteste gegeben. Die Patentdiskussion werde eher hochgespielt, meine Ganten. “Aus meiner Sicht sind Ratte und Maus wichtig für die Erforschung einer Volkskrankheit wie Hypertonie.” Der Ratte ginge es genauso gut oder schlecht wie einem kranken Menschen.
In den Industriestaaten beträfe die Krankheit, die zu Herzinfarkt und Hirnschlag, zu Arterienverkalkung und Nierenschäden führen könne, immerhin jeden vierten Menschen. Von Bluthochdruck wird gesprochen, wenn der Normalwert von 140/90 überschritten ist.
Das Bedeutsame an den Tierforschungen sei, daß davon vieles auf den Menschen übertragen werden könne. Die Gene von Tieren seien denen des Menschen viel ähnlicher, als früher angenommen, sagte Ganten. Es gebe eine Ähnlichkeit von 80 bis 90 Prozent. Man werde dazu kommen, Therapien für die Behandlung von Menschen zu finden. “Ich bin überzeugt”, meinte der Wissenschaftler, “daß die Gentherapie die Therapie der Zukunft ist.” Lediglich die Akzeptanz für diese Technik bei der Bevölkerung sei zu gering.
“Ich sehe nicht das Heil in der Gentechnik. Ich glaube, daß es da viele Irrwege geben wird. Doch ich denke, wir würden uns versündigen, wenn wir das aus religiösen, ethischen oder gesellschaftlichen Gründen nicht erforschen, sagte Ganten. Es wäre aber wichtig, all diese Fragen offen in der gesamten Gesellschaft zu diskutieren.
Bisher würde mit der “chemischen Keule”, gemeint sind Medikamente, irgendwohin gehauen, meint Ganten. Die Gentherapie gehe nicht mit der “Keule” vor, sondern werde Informationen genau dorthin transplantieren, wo der Wirkungsort vermutet wird. Die Idee sei, in Zukunft die fehlgeleitete Information durch eine neue zu ersetzen. Ob die Möglichkeit, zellspezifisch einzugreifen, sich in allen Bereichen schnell realisieren läßt, könne er nicht voraussagen.

